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Die Mär von der "Kopfballgefahr" - Experteninterview zum Thema

Letzte Aktualisierung: 13. März 2016

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Experte Dr. Werner Krutsch sieht keine Anhaltspunkte und Belege für die Gefahr eines normalen Kopfballs im Fußball.

Die Nachricht sorgte im November 2015 für helle Aufregung: In den USA wurde im Jugendfußball das Kopfballspiel verboten. Der Grund: mögliche Folgen durch ein Schädel-Hirn-Trauma. Die Argumentation klingt zunächst einleuchtend, denn häufig etwas vor den Kopf zu bekommen, ist salopp gesagt nicht gerade gesundheitsfördernd. Seitdem schwirren Argumente umher und immer wieder flammt die Diskussion neu auf. Deshalb lohnt es sich, einen Experten zum Thema und dem aktuellen Sachstand zu befragen. Dr. Werner Krutsch ist stellvertretender Leiter des FIFA Medical Centre of Excellence Regensburg, ehemaliger Fußballspieler und somit einer der ganz wenigen, die das nötige medizinische Fachwissen und die Spezialkenntnisse aus dem praktischen Fußball in einer Person vereinen.

Herr Dr. Krutsch, Kopfbälle und Langzeitschäden durch Schädel-Hirn-Trauma, was ist dran?

Dr. Werner Krutsch: Es ist schon verwunderlich wie aktuell in den Medien in einem einzigen Thema Vorurteile über das Kopfballspiel mit wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Forschung der Kopfverletzungen vermischt werden und dabei keine Differenzierung vorgenommen wird. Es gibt aktuell schlichtweg keine relevanten Erkenntnisse, die die These belegen, dass der normale Kopfball im Fußball gefährlich sein soll. Wir reden über leichte Hinweise aus der Forschung mit Untersuchungen von 10 bis 15 Spielern, die gewisse Veränderungen in der Gehirnregion im Kernspin oder bei anderen Intelligenz-Tests zeigen, wobei diese Studien aber nicht zeigen, wie viele Kopfbälle die Probanden gemacht haben oder welche Schulbildung sie im Vergleich zur Kontrollgruppe hatten. Daher bleibe ich nach Durchsicht der wissenschaftlichen Fakten und bei fehlenden praktischen Beispielen von Frühdemenz durch Kopfball im Fußball dabei, dass das Kopfballspiel im Fußball nicht gefährlich ist. Im Gegenteil, ich kenne eher andere Bespiele, wo Fußballer und "Kopfballungeheuer" intellektuell und beruflich super dastehen. Ein anderes Thema allerdings und das ist tatsächlich eher ein Problem: Kopfverletzungen, die im Rahmen von Fouls, Ellenbogenschlägen, Stürzen auf den Boden oder Kopf-an-Kopf-Stößen im Fußball zustande kommen.

Wie kommen dann die Wissenschaftler in den USA auf solch einen Schluss? Die sind doch nicht dumm?

Dr. Werner Krutsch: Nein, überhaupt nicht. Wissenschaftliche Studien aus den USA haben einen weltweit hohen Stellenwert und im Fall der in den Zeitungen genannten Studien ist es kein Zufall, dass nahezu alle Studien aus den USA kommen und auch die deutschen Autoren dort zur Forschung hingehen. Ich selbst hatte im Juli 2015 die Möglichkeit, in einem der größten "Concussion-Center" (auf Gehirnerschütterung spezialisiertes Institut) der USA in Pittsburgh zu hospitieren und das zeigte, dass die US-Sportarten eben mit großem Abstand das höchste Risiko für schwere Kopfverletzungen zeigen. Man muss sich die vorliegenden Daten der Studien aber genau anschauen und diese auch im entsprechenden Kontext einordnen.

Das heißt?

Dr. Werner Krutsch: Das Problem ist nicht der Kopfball, sondern es sind die wiederholten harten Schläge auf den Kopf sowie die Gehirnerschütterung - vor allem im American Football und Eishockey. Im Gegensatz zum Fußball gibt es für diese Sportarten auch entsprechende Studien und Daten, die zeigen, dass die vielen Kopfzusammenstöße trotz Helm eben schlechte Auswirkungen zeigen, insbesondere wenn man die Kopfverletzungen nicht ausheilen lässt. Die Frage ist: Kann ich diese Daten aus den USA auch auf unseren Fußball anwenden? Und das geht eben nicht so einfach.

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Sportmediziner Dr. Werner Krutsch (Mitte) ist ein gefragter Experte.

Warum nicht?

Dr. Werner Krutsch: Ganz einfach: Der entscheidende Faktor bei einem Schädel-Hirn-Trauma ist die Intensität, dann kommt die Häufigkeit intensiver Schläge dazu. Kurz gesagt: Je fester der Schlag und je häufiger ein intensiver Schlag vorkommt, desto stärker auch die Folgen. Was passiert beim Eishockey oder noch viel extremer beim American Football? Beim Football knallen die Spieler - wohlgemerkt bewusst - mit den Köpfen zusammen. Dies ist sogar ein wesentlicher Bestandteil des Spiels, wenn die Angriff- und Abwehrreihen aufeinanderprallen. Und ein Kopf gibt nicht nach und der Helm schützt in erster Linie vor direkten Verletzungen, nicht vor dem Schlag. Diese Intensität ist nicht mal ansatzweise vergleichbar mit einem Kopfball mit einem elastischen Fußball, der auch nur selten mit voller Wucht ausgeführt wird. In den USA gibt es deshalb auch entsprechende Präventivmaßnahmen für ihre Sportarten: eine intensive medizinische Betreuung und Regelungen für das Football-Training. In den letzten Jahren ist der klassische Fußball in den USA verstärkt auf die öffentliche Bühne getreten - da gehören Kopfbälle dazu. In einem Land, in dem Vorwissen aus anderen Sportarten vorliegt und zudem Schadensersatzklagen und hohe Geldforderungen einen deutlich höheren Stellenwert haben, wird so etwas dann auch wesentlich sensibler aufgenommen. Es gibt wie gesagt auch in den USA keine fundierten Zahlen und Studien zum Kopfball im Fußball. Bei den genannten Rahmenbedingungen ist man im Zweifel lieber etwas vorsichtiger und dann kommt so etwas wie das Kopfballverbot heraus.

Aber Hand aufs Herz: Wer Fußball spielt oder gespielt hat, kennt doch die Situation, dass nach dem Kopfballtraining oder einer scharfen Flanke auch mal der Schädel brummt.

Dr. Werner Krutsch: Da kommen wir der Sache schon näher. Wichtig ist: Auch für diese Fälle gibt es bis dato keine Belege für irgendwelche Langzeit- oder Folgeschäden im Fußball. Aber wir sind beim Thema "Intensität". Der Kopfball an sich - das habe ich ja selbst erlebt - ist nicht das Problem. Sondern ein intensiver Schlag, der auch beim Kopfball passieren kann. Da reden wir aber beispielsweise über ein Kopfballduell, bei dem zwei Köpfe zusammenprallen. Im Gegensatz zum Ball gibt der Kopf wie gesagt nicht nach. Hier bewegen wir uns in Bereiche, wo wir tatsächlich über Schädel-Hirn-Traumata sprechen. Und bei einem Schädel-Hirn-Trauma wissen wir aus der Forschung, dass die große Gefahr vom "Second Hit", also dem zweiten Schlag ausgeht, wenn das vorherige Trauma noch nicht ausgeheilt ist. Von daher spielen eine medizinische Versorgung und die Pause eine große Rolle. Nach so einem ,richtigen' Zusammenprall sollte der Spieler sofort pausieren - idealerweise mindestens bis zu einer Woche und sollte vor der Rückkehr zum Sport eine Kontrolluntersuchung durchführen lassen. Das hat aber nichts mit dem klassischen Kopfball zu tun, der zudem im Spiel gar nicht so häufig von einem Spieler ausgeführt wird, wie in den Zeitungen beschrieben.

Also alles eine unnötige Diskussion?

Dr. Werner Krutsch: Nein überhaupt nicht, denn natürlich ist es ein Thema, mit man sich beschäftigen muss und mit dem wir uns auch intensiv beschäftigen. Wir haben derzeit nur wenige Daten und keine fundierten Studien mit einer großen Zahl an Betroffenen, die diese Thesen beweisen würden, daher müssen wir welche machen. Das sind wir dran und das werden wir auch in den kommenden Monaten intensiv fortführen. Prävention nimmt in der Sportmedizin eine herausragende Stellung ein. Die Sache ist aber, dass man nicht immer erst fundierte medizinische Datensätze braucht, um logische Entscheidungen zu treffen. Für den Jugendfußball in Deutschland wurden in den einzelnen Altersklassen vor Jahren bereits kleinere und leichtere Bälle eingeführt. Eben weil es logisch ist, dass mit leichteren Bällen die Belastung noch geringer ausfällt und ein nicht ausgewachsener Körper anfälliger für Belastungen ist. Und selbstverständlich macht es keinen Sinn, mit kleinen Kindern intensives Kopfballtraining mit zig Wiederholungen zu machen. Dafür ist der Kopfball schon rein statistisch gesehen für den Spielerfolg und auch die fußballerische Entwicklung viel zu unwichtig. Es macht Sinn, den richtigen Ablauf eines Kopfballs zu trainieren, also Zeitpunkt, Absprung, Landung, Körperspannung. Das alles aber sehr dosiert und mit dem Fokus darauf, dass der Ball - wenn es schon der Kopf sein muss - möglichst optimal getroffen wird. Die wichtigsten Aussagen aus der aktuellen Diskussion sind: Gefahr geht von den wirklichen Kopfverletzungen aus, nicht vom normalen Kopfball. Kopfverletzungen müssen adäquat und rechtzeitig behandelt werden und: Kinder sollten kein intensives Kopfballtraining durchführen und nur altersgerechte Bälle verwenden.

 
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