Kein Sprint, keine Grätsche, aber ein Ball, zwei Tore – ist das noch Fußball? Ja, ist es! Walking Football heißt die Variante, die in Bayern zwar schon seit einiger Zeit gespielt wird. Es gibt Turniere, offizielle Meisterschaften, aber wirklich bekannt, geschweige denn etabliert – das ist sie nicht. Fußball im Gehen, ohne Rennen und Grätschen, auf kleineren Feldern und mit angepassten Regeln. Die Idee dahinter ist so einfach wie stark: Fußball soll nicht dort enden, wo Tempo, Knie, Rücken oder Alter Grenzen setzen.
Der Bayerische Fußball-Verband (BFV) hat zuletzt seinen zweiten Walking-Football-Lehrgang angeboten – mit zwölf Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Bei der Premiere im vergangenen Dezember waren es sogar 18. Im Herbst werden „Walking Football-Zertifikat“ Nummer drei und vier folgen (Termine und Anmeldung). Die Schulungs-Teilnehmenden kommen aus dem ganzen Freistaat und bringen unterschiedlichste Erfahrungen mit. Doch sie eint ein Ziel: Sie wollen die neue Fußballvariante in ihren Vereinen etablieren. Was sie antreibt, ist mehr als sportliche Neugier. Es geht um Gesundheit, Teilhabe, Gemeinschaft und die Frage, wie Fußball auch für Menschen offenbleiben kann, die im klassischen Spielbetrieb keinen Platz mehr finden. Diese Geschichte ist deshalb kein fertiger Erfolgsbericht. Sie ist ein Anfang. In Heuchling, Buch am Erlbach, München-Friedenau, Vierkirchen und Wolnzach entstehen gerade neue Initiativen, die zeigen könnten, wie Walking Football in Bayern weiterwachsen kann.
Beim SK Heuchling bei Lauf in Mittelfranken war Walking Football schon länger Thema. Doch wie so oft im Vereinsleben blieb es zunächst bei Gesprächen. Bis Wolfgang Janus beschloss, die Sache anzupacken. „Wir sprechen schon seit zwei, drei Jahren im Verein über Walking Football", erzählt der 61-Jährige, der lange noch bei den Alten Herren aktiv war, seit vielen Jahren als Trainer arbeitet und vor 16 Jahren seine C-Lizenz bekam. „Jetzt stand bei mir auch die Lizenzverlängerung an und da habe ich gesagt: Ich gehe das jetzt einfach mal an." Zur BFV-Walking-Football-Schulung, die für die Lizenzverlängerung mit 20 Lerneinheiten anerkannt wird, fuhr Janus mit gemischten Gefühlen. „Ich war auch etwas skeptisch, was mich da erwartet und wie das mit meinem Verständnis von Fußball zusammenpasst. Aber ich war positiv überrascht. Vor allem hat es sehr viel Spaß gemacht." Die Begeisterung nahm er mit zurück nach Heuchling. Dort gründete er eine WhatsApp-Gruppe. Innerhalb von 24 Stunden meldeten sich 18 Interessierte. „Ich musste da erstmal einen Riegel vorschieben. Es scheint so zu sein, dass ganz viele wirklich nur darauf gewartet haben, dass es dieses Angebot gibt."
Für Janus ist die Resonanz ein Zeichen dafür, dass es in vielen Vereinen einen großen Bedarf gibt. Wichtig ist ihm dabei, dass Walking Football nicht als reine Freizeitbeschäftigung verstanden wird. „Ich möchte schon auch, dass wir das ernsthaft machen – ja, auch ambitioniert. Da geht es aber vor allem um Fairness, Rücksichtnahme und das, was man Sportlerehre nennt." Auch Turniere und Begegnungen mit anderen Vereinen kann er sich gut vorstellen. Doch zunächst steht der Aufbau einer tragfähigen Gruppe im Mittelpunkt.
Auch Matthias Schiebel vom SC Buch am Erlbach hat einen sehr persönlichen Zugang zum Walking Football. „Ich habe selber Knieprobleme, habe deshalb von meiner Frau und meinem Doktor ein ‚Fußball-Verbot‘ bekommen", erzählt der 49-Jährige. Viele ehemalige Fußballer kennen diese Situation. Der Kopf möchte weiterspielen, der Körper schiebt den Riegel vor. Genau hier setzt Walking Football an. „Walking Football bietet die Möglichkeit, wieder auf dem Platz zu stehen", sagt Schiebel, der in seinem Verein schon nach ersten noch unprofessionell aufgezogenen Versuchen in der Vergangenheit gesehen hat, dass die Zielgruppe deutlich breiter ist als viele vermuten. „Da waren auch Jüngere mit gesundheitlichen Einschränkungen dabei oder Frauen, die das einfach ausprobieren wollten", berichtet Schiebel. „Aktuell habe ich einen U17-Junior, der nach einer Hand-Operation nicht normal trainieren darf. Da ist es eine Möglichkeit, weiter dabei zu sein. Das ist definitiv nicht nur Rentnersport." Damit spricht Schiebel einen wichtigen Punkt an. Walking Football kann Menschen nach Verletzungen ebenso ansprechen wie Wiedereinsteiger oder Personen, die sich im klassischen Fußball körperlich überfordert fühlen. Von der BFV-Schulung nahm er vor allem praxisnahe Anregungen mit. „Natürlich die korrekten Regeln, aber vor allem Ideen und Ansätze, wie ich klassische Trainingsübungen auf Walking Football übertragen kann." In Buch am Erlbach soll nun mit rund zehn Interessierten ins „professionelle“ Walking Football-Training gestartet werden. Schiebel ist überzeugt: „Das wird sich hier schnell rumsprechen, wenn es gefällt."
Eine andere Perspektive bringt Heinrich Isele vom ESV München-Friedenau ein. Der 73-Jährige engagiert sich seit Jahrzehnten im Sport und im Ehrenamt, aber eher selten im Fußball. „Ich komme aus dem Breiten- und Gesundheitssport und sehe ganz viel Potenzial im Walking Football", sagt er. „Es ist erstaunlich, welche Leistungsfähigkeit und welches Können in Menschen steckt, die aus verschiedensten Gründen eingeschränkt sind." Für Isele geht es nicht um Defizite, sondern um Möglichkeiten. Nicht um die Frage, was nicht mehr geht, sondern darum, was weiterhin möglich ist. Seine Erfahrungen aus seiner jahrelangen ehrenamtlichen Arbeit mit Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen: „Manchmal braucht es einfach Geduld und vor allem eine Kommunikation auf Augenhöhe. Aber dann ist es meist für alle Beteiligten sehr bereichernd."
Beim ESV München-Friedenau stieß seine Idee in der letzten Vereinssitzung auf breite Zustimmung, allerdings bindet die anstehende Fusion mit dem SV Studentenstadt München derzeit alle Kapazitäten, sodass das Thema Walking Football für die nächsten drei, vier Monate noch zurückgestellt werden muss. Aufgeschoben ist aber für Isele nicht aufgehoben. Ihm geht dabei vor allem auch um die Vernetzung. Vereine sollten voneinander lernen, Erfahrungen austauschen und gemeinsam Angebote entwickeln. Nur so könne Walking Football langfristig wachsen.
Sandra Hennert vom SC Vierkirchen kennt die skeptischen Reaktionen. „Klar wird das auch von einigen im Verein belächelt, da muss man sich nichts vormachen", sagt die 46-Jährige. „Aber das ist mir egal. Ich bin sowohl vom Ansatz als auch vom Potenzial überzeugt." Hennerts Motivation ist ebenfalls persönlich. Wegen einer Rückenverletzung kann sie nicht mehr regulär Fußball spielen. „Ich sehe in Walking Football die Möglichkeit, wieder aktiv auf dem Platz stehen und meiner Leidenschaft nachgehen zu können," sagt Hennert, die für ihr vielfältiges und jahrelanges herausragende Engagement in ihrem Verein und im Amateurfußball im vergangenen Jahr vom BFV beim Ehrenamtspreis noch als Siegerin ausgezeichnet wurde.
Auch sie absolvierte die BFV-Walking-Football-Schulung – und kehrte mit vielen Ideen zurück. Nun plant sie den Aufbau eines entsprechenden Angebots im Verein. Dabei setzt sie aus Erfahrung bewusst auf einen behutsamen Start. „Ich gehe gezielt auf einen kleinen Personenkreis als Mitstreiter zu, ehe wir das größer aufziehen. Es wäre nicht gut, wenn man bei einem ersten Training allein vor zu vielen Neulingen steht. Idealerweise hat man mehrere Teilnehmer dabei, die die Basics bereits beherrschen und dann direkt als Multiplikatoren helfen können. Das sorgt für einen reibungslosen Ablauf und beugt Frustration vor."
Nach den Sommerferien soll das Projekt Fahrt aufnehmen. Für Hennert liegen die Vorteile auf der Hand: Menschen können trotz Verletzungen aktiv bleiben, ältere Erwachsene erleben Gemeinschaft und Vereine erschließen neue Zielgruppen. „Am Ende geht es ja darum, gemeinsam auf dem Platz Spaß zu haben."
Während vielerorts noch geplant wird, hat der TSV Wolnzach bereits erste Erfahrungen gesammelt. Nach der Teilnahme von D-Jugendtrainer Karl Hirschberger am Walking-Football-Zertifikat organisierte der Verein ein erstes Probetraining. Bei bestem Wetter kamen zehn Teilnehmerinnen und Teilnehmer zusammen. Darunter mehrere Ü50-Spieler, ein Ü70-Fußballer sowie eine Ü50-Frau. Auch ein Spieler eines Nachbarvereins schaute vorbei, um sich selbst ein Bild von der Fußballvariante zu machen. Die Resonanz war durchweg positiv. Die Teilnehmenden verabredeten sich direkt für weitere Trainingseinheiten, weitere Interessierte haben sich bereits angekündigt.
Wolnzach zeigt damit, was auch andernorts entstehen könnte: Aus einer Schulung wird ein Angebot. Aus Neugier wird Beteiligung. Und aus einem ersten Termin vielleicht eine feste Gemeinschaft.
Fünf Menschen, fünf Vereine, fünf unterschiedliche Ausgangslagen. In Heuchling entsteht aus einer WhatsApp-Gruppe fast über Nacht eine Trainingsgruppe. In Buch am Erlbach wird aus einem „Fußballverbot“ ein neuer Zugang zum Fußballsport. In München-Friedenau trifft Gesundheitssport auf Vereinsentwicklung. In Vierkirchen wächst aus eigener Verletzungserfahrung ein neues Projekt. Und in Wolnzach zeigt ein erstes Probetraining, wie schnell eine Idee in die Praxis umgesetzt werden kann.
Gemeinsam zeigen diese Beispiele, warum Walking Football gerade so spannend ist. Es geht nicht um eine Modeerscheinung, sondern um Antworten auf reale Fragen im Vereinsfußball: Wie bleiben ältere Mitglieder aktiv? Wie können Menschen mit Einschränkungen Teil der Fußballfamilie bleiben? Und wie gelingt es, Menschen zurück auf den Platz zu holen, die ihre aktive Zeit bereits für beendet hielten?
Walking Football ist darauf keine Universallösung. Aber ein bemerkenswert konkreter Anfang. Die kommenden Monate werden zeigen, ob aus den einzelnen Initiativen eine Bewegung entsteht. Sicher ist schon jetzt: Der Ball rollt. Nur eben nicht zwingend im Vollsprint und mit Grätsche. Walking Football nimmt dem Fußball nicht seine Seele. Es nimmt ihm nur das Tempo, das manche Menschen ausgeschlossen hat.
„Walking Football war 2011 eine grandiose Idee des englischen Vereins FC Chesterfield Community und ich bin froh, dass sie wenige Jahre später auch bei uns in Bayern aufgegriffen wurde – zunächst vor allem auch vom 1. FC Nürnberg, der jahrelang als Zugpferd für die ersten Gehversuche diente. Seit diesem Jahr ist aber auch der FC Bayern München an Bord, der mit seinem ambitionierten Team gleich die Bayerische Meisterschaft 2026 klarmachen konnte und mit seiner Strahlkraft wird er natürlich helfen, die Fußballvariante bei uns im Freistaat populärer zu machen", sagt Martin Steininger, der im Verbands-Spielausschuss für die Seniorenfußball-Angebote verantwortlich ist.
Zum Video der Bayerischen Ü-Meisterschaften 2026
"Es ist wie immer im Fußball: Wir sitzen alle im gleichen Boot – die kleinen Vereine und die Spitzenklubs, der leistungsorientierte Fußball und der Breitenfußball, die Alten und die Jungen, die fitten und unversehrten Fußballer und die eingeschränkten. Wir sind als Bayerischer Fußball-Verband überzeugt vom Walking-Football-Potenzial und werden alles daransetzen, dieses Potenzial mit unseren Vereinen in den kommenden Monaten weiter zu heben und regelmäßige Spielangebote auch in der Fläche zu etablieren“, ergänzt BFV-Vizepräsident Robert Schraudner, der im BFV-Präsidium für die langfristige Entwicklung der noch jungen Fußballvariante für die Alten verantwortlich zeichnet.
„Es ist ja unbestritten, dass Walking Football für die Gesundheit förderlich ist, viele Vorteile bietet und dass viele Menschen, die von Kindesbeinen an Fußball gespielt haben, auch im hohen Alter noch Lust haben, aktiv zu sein und zu spielen“, sagte Manfred Poppe, Seniorenfußball-Abteilungsleiter des FC Bayern München, nach dem diesjährigen Titelgewinn des FCB im Walking Football.
Es tut sich gerade also einiges im Freistaat. Im wahrsten Sinne des Wortes in kleinen Schritten. Das ist hier aber ausnahmsweise gewünscht. Wir bleiben dran und werden in ein paar Wochen nachschauen, wie sich die vielen Walking-Football-Pflänzchen entwickelt haben.