24 Stunden Flug, 24 Stunden Schlaf und direkt zur ersten Schiedsrichtersitzung – so verliefen die ersten Tage meines zehnwöchigen Australien-Austausches. Dass das so einfach möglich sein würde, hätte ich zunächst nicht gedacht, als ich im September 2025 die erste E-Mail an „Football South Australia“, den für Adelaide zuständigen Verband, schrieb und meine Situation erklärte.
Auch wenn schnell die Antwort kam, dass man sich freuen würde, wenn ich während meiner Zeit in Adelaide dort ebenfalls pfeifen würde, mussten zunächst einige Voraussetzungen erfüllt werden. Zwar musste ich die umfangreichen Online-Module mit Regelfragen und Videoszenen, die normalerweise jeder neue Schiedsrichter absolvieren muss, nicht bearbeiten, dennoch brauchte ich neben einem Bestätigungsschreiben meiner Schiedsrichtergruppe auch einen „Working with Children Check“. Diesen musste ich mir im australischen Generalkonsulat in Frankfurt bestätigen lassen.
In Australien beginnt die Saison nach der Sommerpause im Februar – also genau zu meiner Ankunft. Deshalb fand bereits an meinem zweiten Tag in Adelaide eine Schiedsrichtersitzung statt. Nach einem kleinen Kennenlernspiel – wir waren nur etwa 30 Personen – wurden direkt die Regeländerungen besprochen, die dort erst ein halbes Jahr später als bei uns in Kraft treten.
Bevor allgemeine Dinge über das Pfeifen in Australien erklärt wurden, gab es zunächst eine Laufeinheit, bei der gezeigt wurde, wie man sich vor einem Spiel aufwärmen sollte. Ich habe bis heute nicht herausgefunden, ob es in Australien normal ist, keine Sportkleidung zum Training mitzubringen, oder ob die anderen Schiedsrichter – genau wie ich – einfach nicht wussten, dass wir laufen gehen würden. Auf jeden Fall joggte fast die Hälfte von uns in Jeans.
Im anschließenden Theorieteil bekam ich nicht nur die ersten Unterschiede, sondern auch einige Gemeinsamkeiten des Schiedsrichteralltags mit. Neben kleineren Dingen, wie der Pflicht, sich nach der Ankunft am Spielort in einer App als anwesend einzutragen, damit andere Schiedsrichter, Trainer, der Verband und auch die Spieler sehen können, dass man vor Ort ist, fiel vor allem die Trikotregelung auf.
Ich bin seit 2023 Schiedsrichter und habe inzwischen bereits drei verschiedene Trikotgenerationen in meinem Schrank liegen. Damit man sich nicht alle paar Jahre mehrere neue Trikots in unterschiedlichen Farben kaufen muss, wurde in Australien ein neues knallpinkes Schiedsrichtertrikot eingeführt, das seit März 2026 verpflichtend getragen werden muss. Dadurch entfällt gleichzeitig die Diskussion darüber, welche Farbe bei welchem Spiel getragen wird. Aufgrund dieser Regelung durfte ich meine aus Deutschland mitgebrachten Adidas-Trikots bei offiziellen Spielen des südaustralischen Fußballverbandes nicht tragen.
Auch bei den Ansetzungen läuft vieles anders. Während man sich in Deutschland abmeldet, wenn man keine Zeit hat, ist man in Australien grundsätzlich „gesperrt“ und muss sich mindestens zehn Tage vor einem möglichen Spiel aktiv als verfügbar eintragen. Änderungen konnten danach nur noch von den Einteilern vorgenommen werden. Dadurch möchte der Verband die Zahl kurzfristiger Spielrückgaben möglichst gering halten. Deshalb besteht auch die Möglichkeit, Schiedsrichtern nach zu vielen Rückgaben die Spesen der nächsten Spiele zu streichen. Diese wurden ansonsten unabhängig von Altersklasse oder Liga nach jedem Spiel überwiesen.
Ein weiterer wesentlicher Unterschied war das Ziel des Verbandes, möglichst jedes Spiel mit Schiedsrichterassistenten zu besetzen. Aufgrund des dort herrschenden Schiedsrichtermangels konnten diese Positionen jedoch nicht immer mit ausgebildeten Schiedsrichtern besetzt werden. Die Lösung dafür bestand darin, dass jede Mannschaft in „DRIBL“, dem australischen Pendant zum DFBnet, einen Vereinsassistenten eintragen musste. Anders als in Deutschland sollte dieser jedoch nicht nur anzeigen, wenn der Ball im Seitenaus war, sondern sich stets auf Höhe des vorletzten Verteidigers befinden und neben Einwürfen, Ecken und Abstößen auch Abseits anzeigen. Lediglich Foulspiele entschied ausschließlich der Schiedsrichter.
Das war auf der einen Seite hilfreich, da man sich nicht permanent auf mögliche Abseitssituationen konzentrieren musste und gleichzeitig Erfahrung darin sammelte, mit Assistenten zusammenzuarbeiten. Auf der anderen Seite waren dadurch jedoch auch einige fragwürdige Entscheidungen kaum zu vermeiden. Das lag nicht unbedingt daran, dass die Vereinsassistenten Entscheidungen absichtlich durch die Vereinsbrille betrachteten, sondern vor allem daran, dass die wenigsten von ihnen tatsächlich Schiedsrichter waren. So hatte ich vom achtjährigen Jungen, der gegen seinen Willen bei seinem großen Bruder zuschauen musste, bis zum 63-jährigen fremden Mexikaner, der gerade noch an der Straße auf den Bus wartend gefragt wurde, ob er schnell als Linienrichter einspringen wolle, die unterschiedlichsten Assistenten an der Linie. Gerade dadurch konnte ich allerdings viele Erfahrungen sammeln.
Insgesamt war ich in Australien bei zehn Spielen im Einsatz, die auf sechs verschiedene Tage verteilt waren. An einem Tag leitete ich sogar drei Spiele hintereinander, was dort allerdings eher die Regel als die Ausnahme war. Das Ligasystem war so aufgebaut, dass zwei Vereine einen kompletten Tag lang gegeneinander spielten – morgens die jüngeren Mannschaften und abends die Herrenmannschaften. Häufig fungierten dann beispielsweise die Schiedsrichter der U19- und U23-Spiele später als Linienrichter bei der ersten Herrenmannschaft.
Ich war insgesamt bei vier Spielen als Assistent und bei sechs Spielen als Schiedsrichter im Einsatz. Die Kabinensituation war dabei allerdings deutlich schlechter als in Deutschland. Einmal musste ich mich mitten auf dem Spielfeld umziehen, weil es einfach keine Umkleide gab. Bei meinem ersten Spiel als Assistent erhielt ich sogar einen Beobachtungsbogen, da es für den Schiedsrichter um einen Aufstieg ging. Dieser fiel allerdings deutlich schlichter aus als die uns bekannten Bögen in Deutschland. Meine gesamte Beurteilung bestand lediglich aus drei zusammenfassenden Sätzen.
Besonders bemerkenswert waren auch die Schiedsrichtertrainings. Diese fanden nicht nur wöchentlich an zwei verschiedenen Orten montags und mittwochs statt, sondern wurden auch regelmäßig von Schiedsrichtern unterschiedlichster Altersgruppen besucht – von 15 bis teilweise über 60 Jahren. Die Laufübungen wurden dabei individuell an die jeweiligen Ziele angepasst. So mussten einige Schiedsrichter für höhere Ligen bestimmte Strecken sprinten, während andere dieselben Distanzen joggen durften.
Am interessantesten fand ich persönlich die Nachstellung von Spielsituationen im Schiedsrichtertraining. Dabei übernahm einer die Rolle des Schiedsrichters, einer die des Assistenten und der Rest stellte Angreifer und Verteidiger dar. Anschließend wurden beispielsweise mögliche Notbremsensituationen nachgestellt, indem ein Verteidiger einen Stürmer am Trikot festhielt. Der Schiedsrichter musste dann – wie im echten Spiel – entscheiden, ob es sich um eine Notbremse oder lediglich um das Unterbinden eines aussichtsreichen Angriffs handelte. Der Schiedsrichterassistent konzentrierte sich währenddessen darauf, ob das Vergehen innerhalb oder außerhalb des Strafraums stattfand. So konnte man nicht nur solche Situationen trainieren, sondern gleichzeitig auch Pfiff, Körpersprache und die Präsentation persönlicher Strafen üben.
Insgesamt muss ich sagen, dass es eine außergewöhnliche Erfahrung war, auf der anderen Seite der Welt Spiele als Schiedsrichter zu leiten und dort meinem Hobby nachzugehen. Besonders beeindruckend war für mich zu sehen, dass sich auch dort – genau wie bei uns in Deutschland – durch die Schiedsrichterei Gemeinschaften bilden und die verschiedensten Menschen zusammenkommen. Ebenso besonders war es, am Spielort anzukommen und erst einmal dem örtlichen Baseballspiel zuschauen zu können. Da haben sich der spontane Trip nach Frankfurt, der 24-stündige Flug und der Kauf des pinken Schiedsrichtertrikots auf jeden Fall gelohnt.
Text und Bild: Max Jenkner