Dem Beschluss des BFV-Vorstands, die laufende Saison bis zum 31. August 2020 auszusetzen, ging bekanntlich eine umfassende Abfrage für ein Meinungsbild der bayerischen Amateurklubs voraus, ebenso über 80 Online-Konferenzen, in denen seit Ausbruch der Pandemie über 10.000 Vereinsverantwortliche vom Bayerischen Fußball-Verband über den aktuellsten Stand der behördlichen Rahmenbedingungen, deren Auswirkungen und die Rückschlüsse informiert wurden. Und am Ende waren es natürlich auch unzählige Gespräche, Telefonate, Chats und Klicks auf allen Informations-Webseiten, mit denen sich BFV-Haupt- und Ehrenamtliche, Vereinsfunktionäre und Aktive ihr persönliches Lagebild gemacht haben. So wie bei Marc Riedl, Torwart des Augsburger A-Klassisten TSV Haunstetten II, dürfte es wohl bei fast jedem gelaufen sein.
„Alle WhatsApp-Gruppen liefen heiß und dabei kamen natürlich auch die verschiedensten Ansichten vor. Wir wussten ja überhaupt nicht, was kommt. Alle dachten, dass jetzt zwei, drei Wochen Pause ist und dann geht’s weiter. Dann hat sich aber alles Wunschdenken Stück für Stück aufgelöst“, erzählt Riedl, wie er die ersten Tage und Wochen erlebt hat. Seine Teamkollegen, Freunde und Bekannte – jeder versuchte in dieser vollkommen neuen Situation irgendwo an irgendwelche Informationen zu kommen. „Immer wenn jemand irgendeine Neuigkeit entdeckt hat, wurde sie sofort gepostet. So machen es die Italiener, die Österreicher, die Belgier, oder so wollen sie es machen – was heißt das für uns? Ziehen wir da auch mit? Das war für mich der Zeitpunkt, mich genauer damit zu beschäftigen. Was sind denn genau die Vor- und Nachteile. Und da ich mich ja auch beruflich mit Rechtsfragen beschäftige, wollte ich auch hier genauer Bescheid wissen. Was sagt denn die Spielordnung, wie genau sind die bayerischen Umstände? Wie hängt das alles zusammen?“, berichtet der 26-jährige Schwabe.
Für Florian Heller, Abteilungsleiter des TuS Raubling in Oberbayern, ging es ebenfalls darum, die Situation zu verstehen. Doch anders als Riedl musste er sich als Verantwortlicher im Verein zunächst um andere Dinge kümmern – ganz pragmatisch. „Nach der Bekanntgabe der Anordnungen durch die Behörden haben wir bei uns im Verein sehr schnell reagiert, um diese Vorgaben auch umzusetzen: Trainingsbetrieb aussetzen, informieren und planen, was jetzt zu tun ist. Da gab es natürlich von Beginn an viele Abstimmungen mit der Vereinsführung, den Trainern und der Jugendleitung“, erzählt Heller von den ersten Tagen einer bis heute wilden Zeit. Erst danach ging es darum, die vielen Informationen zu sortieren und sich mit den möglichen Szenarien auseinanderzusetzen. Das dann aber natürlich auch wieder im „Vollgasmodus“. „Wir hatten viele Abstimmungsprozesse, eine Mischung aus allem: Telefongespräche, Telefonkonferenzen, Videokonferenzen. Wir arbeiten im Jugendbereich mit drei Partnervereinen zusammen. Da muss viel geklärt werden, vor allem, weil sich die Rahmenbedingungen und Anordnungen ja permanent ändern. Aber alle haben voll mitgezogen und die digitale Kommunikation macht’s möglich, das alles auch unter den aktuell schwierigen Rahmenbedingungen zu klären“, erinnert sich der 36-Jährige, der bei seinem TuS Raubling groß geworden ist, über die Jugendmannschaften zu den Herren kam, heute noch ab und zu in der Zweiten Mannschaft aushilft und vor sechs Jahren als Abteilungsleiter Verantwortung für alle Fußballteams seines Heimatvereins übernommen hat.
Mit der Diskussion über mögliche Zukunftsszenarien und den Informationsveranstaltungen des BFV ist dann ein neues Kapitel aufgeschlagen worden. So langsam wurde es konkreter, detaillierter, aber auch komplexer. „Natürlich haben wir viel diskutiert. Was ist denn bei einer Fortsetzung mit der Wechselfrist? Was passiert mit den Vertragsamateuren? Wir haben zwar aktuell nur einen, aber für die kommende Saison war das ja auch Thema bei den möglichen Neuzugängen. Da macht man sich schon viele Gedanken. Über allem stand bei uns aber auch immer: Die Gesundheit geht vor! Alles andere muss sich dahinter einreihen und wird sich irgendwie klären lassen“, berichtet Heller.
In Schwaben, bei Marc Riedl, wurde auch schnell klar: Je mehr er sich mit dem Thema auseinandersetzte, desto mehr Fragestellungen ploppten auf. „Das ist ja mehr wie eine politische Diskussion mit ganz vielen Facetten. Die meisten wollen dann wie häufig in der Politik auch hier am liebsten die einfachen, schnellen Lösungen. Da klingt dann vieles erstmal schön und simpel. Aber so einfach ist das halt nicht. Und Schnellschüsse sind ein schlechter Ansatz. Da hängt so viel dran und in den Diskussionen sind viele dann halt doch sehr subjektiv und lassen immer ein, zwei Faktoren komplett unbeachtet. Und das können ganz entscheidende sein.“ Aufgrund der Sorge vor ebendiesen Schnellschüssen hatte Riedl überlegt, aktiv auf seine Vereinsführung zuzugehen, um seine Argumente in die Entscheidungsfindung einzubringen. „Ich tue vielen vielleicht Unrecht, aber ich hatte zunächst das Gefühl, dass viele bayerische Vereinsverantwortliche sich nicht mit allen Faktoren beschäftigen und dann aus dem Bauch heraus anders abstimmen. Wenn nur die Aktiven abgestimmt hätten, wäre es sicher anders ausgegangen, denke ich. Da geht es halt ums Sportliche und weniger um das Drumherum. Für die meisten spielt eben nur ein Teil der Faktoren eine Rolle, nicht das große Ganze“. Für seinen Klub war diese Sorge allerdings unbegründet, denn hier wurde sehr offen und schnell die Position des Vereins kommuniziert. „Da habe ich gemerkt, dass die Vereinsführung das genauso gesehen hat wie ich. Das fand ich gut.“
Würde Riedl nicht in Schwaben, sondern in Unterfranken beim FC 06 Bad Kissingen spielen, wäre er genauso positiv überrascht worden. Dort ist Wolfgang Werner seit 2006 Vorsitzender des reinen Fußballvereins. „Wir haben von Beginn an ganz bewusst zwei junge Spieler und einen Trainer in unsere Entscheidungsprozesse eingebunden, um auch deren Meinung zu hören. Es gilt ja eben, die ganzen unterschiedlichen Facetten zu beachten und nicht nur die Vereinsbrille aufzusetzen“, erklärt der 59-Jährige diesen Entschluss. „Wir haben dann unsere Vorstandssitzungen als Videokonferenzen abgehalten. Das war schon eine große Herausforderung – vielleicht nicht rein technisch gesehen, aber natürlich für den einen oder anderen, der sowas nicht gewohnt ist, ganz klar! Aber es hat geklappt.“ Am Ende lief die Abstimmung dann ohne reguläre Vorstandssitzung über WhatsApp.
Im Gegensatz zu Florian Heller, der aus beruflichen Gründen nicht am Informations-Webinar des BFV zum Zukunftsvorschlag teilnehmen konnte und von einem Vorstandskollegen vertreten wurde, hat Werner das Webinar sogar ganz bewusst „geschwänzt“ und sich vertreten lassen. „Ich wollte mir als Vorsitzender einfach meine eigenen Gedanken machen, mich nicht beeinflussen lassen und dann ganz neutral in die interne Diskussion gehen. Da hat dann jeder seine Sicht und Argumente vorgebracht. Wir haben dann aber schnell festgestellt, dass wir fast alle auf einer Linie liegen, die Pros und Contras gleich sind. Und die, die sich unsicher waren, haben ganz bewusst gesagt, dass sie das in der Tiefe nicht beurteilen können und sich deshalb enthalten. Das waren dann zwei, der Rest war für den BFV-Vorschlag.“ So kam letzten Endes das klare „Ja“ des FC 06 Bad Kissingen zustande.
Nach der Veröffentlichung des Meinungsbildes und der deutlichen Zwei-Drittel-Zustimmung der Vereine zum Vorschlag des BFV, die Saison bis zum 31. August auszusetzen und danach fortzusetzen, sobald es die Rahmenbedingungen zulassen, fiel allen Dreien – Florian Heller, Marc Riedl und Wolfgang Werner – ein kleiner Stein vom Herzen. Denn sicher, dass der Vorschlag in ganz Bayern diese Zustimmung findet, waren sich alle nicht. „Ich war überrascht, dass das Meinungsbild so eindeutig ausgefallen ist. Ich hatte Angst, dass zu viele ihre Vereinsbrille aufsetzen und in erster Linie aufgrund der Tabellensituation urteilen. Im Vorfeld konnte man ja durch einige Äußerungen schon dieses Gefühl bekommen. Ich bin froh, dass die Abfrage zu diesem Ergebnis gekommen ist“, erinnert sich Werner an die ungewissen Stunden zwischen Abstimmung und Ergebnisveröffentlichung. Bei Marc Riedl war die Sorge ebenfalls groß, dass sich die Mehrheit gegen den Vorschlag des Verbandes stellt und somit für einen Abbruch der Saison votiert hätte. Denn was so einfach und klar klingt, hätte für Riedl noch viel mehr Fragen aufgeworfen und damit auch noch viel mehr Unwegbarkeiten mit sich gebracht. „Wie soll gewertet werden? Das sieht ja jeder anders – je nach Tabellensituation. Würde es dann Klagen hageln? Wahrscheinlich! Irgendwer fühlt sich ja immer auch unfair behandelt. Es gibt ja auch in den anderen Verbänden und Sportarten keine klare Linie für diese Szenarien. Und ob es nach der kaputten Saison 2019/20 tatsächlich eine komplette Saison 2020/21 gegeben hätte, kann derzeit ja auch niemand sicher sagen. Wenn dann doch wieder eine Pause verordnet wird, haben wir das gleiche Problem wieder und als Konsequenz zwei kaputte Spielzeiten. Das war ein guter Diskussionsbeitrag, der mir anfangs so auch noch nicht voll bewusst war. Aber das stimmt einfach und auch das muss man bedenken“, resümiert Riedl.
Mit dem Beschluss des BFV-Vorstands herrscht nun Klarheit in einer Grundsatzfrage. Aber natürlich sind auch bei dieser Lösung noch viele Details zu klären. Es war allerdings schon vorher jedem klar, dass es in dieser Zeit und für diese Frage keine „gute Lösung“ gibt, sondern bestenfalls „das beste Szenario unter vielen unangenehmen“. Für Florian Heller ein echtes Dilemma: „Wir reden hier ja von einer absoluten Ausnahmesituation und alle sollen irgendwie mitgenommen werden und idealerweise alle Bedürfnisse befriedigt oder zumindest berücksichtigt werden. Das ist ganz, ganz schwer. Ich möchte hier nicht am Ende entscheiden müssen!“ Und das sagt einer, der im bayerischen Amateurfußball groß geworden ist, Spieler war, Trainer war und nun seit einigen Jahren Abteilungsleiter eines klassischen bayerischen Amateurvereins Verantwortung übernimmt – für seinen Verein, seine Mitglieder, seine Mitarbeiter und am Ende dann doch auch für das große Ganze. Schlussendlich bringt es dann doch Marc Riedl und damit einer, der wie die Mehrheit der Mitglieder des Bayerischen Fußball-Verbandes aktiv auf Punktejagd geht, auf den Punkt: „Am Ende ist doch für alle der größte Wunsch: Fußball spielen und nicht mehr daheim hocken.“ Und diesem Wunsch ist der Amateurfußball in Bayern trotz Zwangspause wieder ein Stück nähergekommen.