Seit rund zwei Jahren ist Loreta Lulaj vom Regionalligisten FFC Wacker München fester Teil der Frauen-Nationalmannschaft des Kosovos. Mit 17 hat die Deutsch-Kosovarin, die beide Staatsbürgerschaften besitzt, ihr Debüt im Nationalteam gefeiert. Auch für das Auftaktspiel der UEFA Women’s Nations League gegen Bulgarien Ende stand die 20 Jahre alte Mittelfeldspielerin im Kader. Im BFV.de-Interview erzählt Lulaj, welche Eindrücke sie von der einwöchigen Länderspielreise im Gepäck zurück mit nach München gebracht hat, welcher Moment unvergessen bleibt – und welche Ziele sie mit dem FFC Wacker München in dieser Saison verfolgt.
Loreta, wie hast Du von der Nominierung für das Spiel gegen Bulgarien in der UEFA Women’s Nations League erfahren?
Lulaj: Ich habe ganz klassisch eine Einladung per E-Mail bekommen und mich riesig gefreut, wieder bei der Nationalmannschaft dabei sein zu können. Ich habe bereits fünf Spiele mit der A-Nationalmannschaft absolviert, davor in der U17 und in der U19 bereits mein Land vertreten. Für den Kosovo nominiert zu werden, ist für mich immer wieder etwas ganz Besonderes.
Wie hast Du Dich gefühlt, als Du die Einladung erhalten hast?
Lulaj: Ich war überglücklich. Es gibt kein besseres Gefühl als für das Heimatland meiner Eltern zu spielen und den Kosovo auf internationaler Fußballbühne zu vertreten. Meine Wurzeln und die Heimat meiner Eltern zu repräsentieren, ist ein unbeschreibliches Gefühl.
Wie haben Deine Eltern auf die Nominierung reagiert?
Lulaj: Sie sind sehr, sehr stolz auf mich. Aber das wären sicherlich alle Eltern. Meine Eltern sind meine größten Fans und supporten mich immer und überall. Ohne ihre Unterstützung wären diese Erlebnisse und Erfahrungen überhaupt nicht möglich. Wären sie nicht immer für mich da gewesen, weiß ich nicht, ob ich es im Fußball jemals so weit geschafft hätte. Wenn ich ihnen erzähle, dass ich wieder für die Nationalmannschaft nominiert bin und für den Kosovo auflaufe, sind sie die glücklichsten Menschen. Das macht mich stolz!
Ihr seid mit einem 0:0-Unentschieden gegen Bulgarien in die Gruppe C5 der UEFA Women’s Nations League gestartet. Wie zufrieden bist Du mit der Leistung?
Lulaj: Wir hatten im Februar sowie im April bereits zwei Freundschaftsspiele gegen Bulgarien, die wir mit 2:1 (Anm. d. Red.: 21. Februar 2023) und 1:0 (Anm. d. Red.: 10. April 2023) gewinnen konnten. Dass es jetzt in der Women’s Nations League nicht für eine Sieg gereicht hat, lag vor allem daran, dass wir unsere Chancen in dieser Partie nicht genutzt haben. Wir waren zu hektisch vor dem Tor und haben unsere vielen Möglichkeiten nicht ausgespielt. Wenn wir in diesem Spiel mit 1:0 in Führung gegangen wären, verläuft die Begegnung ganz anders. Im Großen und Ganzen sollten wir mit dem Ergebnis aber zufrieden sein. Wir haben jetzt noch drei weitere Nations-League-Begegnungen – zweimal gegen Mazedonien und noch einmal gegen Bulgarien – vor der Brust und die Chance, vieles noch besser zu machen. Unser Ziel ist es, den Gruppensieg gegen die zwei Konkurrenten zu holen und in der Liga C aufzusteigen.
Du bist seit insgesamt vier Jahren ein Teil der Frauen-Nationalmannschaft des Kosovos. Wie beurteilst Du die sportliche Entwicklung in den vergangenen Jahren?
Lulaj: Ich finde, dass wir sehr gute Fortschritte machen. Seit ungefähr anderthalb Jahren haben wir mit Anneli Andersén eine neue Trainerin sowie ein neues Trainerteam. Die Abläufe sind seitdem professioneller. Die Coaches versuchen, uns als Mannschaft auf den Lehrgängen weiterzuentwickeln. Wir sind zwar fast die gleichen Spielerinnen wie damals, aber die Abläufe, das System und die Strukturen sind professioneller. Die Kommunikation, das Zusammenspiel auf dem Platz und die individuelle Qualität der Spielerinnen ist ebenso besser als noch vor vier Jahren. Wir merken, dass wir als Mannschaft im Land etwas bewegen können. Die Republik Kosovo ist keine der größten und fortschrittlichsten Nationen in Europa. Das Land befindet sich in einer schwierigen Situation, die politische Lage ist angespannt und die Infrastruktur ist eine ganz andere als beispielweise in Deutschland. Als Frauen-Nationalmannschaft wollen wir den Kosovo bestmöglich vertreten. Der Frauenfußball durchlebt in Europa gerade eine Entwicklung und erzeugt viel Aufmerksamkeit. Diese wollen wir nutzen, um unser Land zu repräsentieren und den Frauenfußball im Kosovo in den Blickpunkt zu rücken.
Beim 0:0 gegen Bulgarien hast Du keine Einsatzzeit erhalten. Welcher Moment ist Dir von der Länderspielreise trotzdem in Erinnerung geblieben?
Lulaj: Ich hätte gerne gespielt, das ist klar. Aber der Moment, wenn man auf dem Spielfeld die Nationalhymne hört, ist unbeschreiblich. Ich bekomme jedes Mal wieder Gänsehaut. Man hört die Hymne seines Heimatlandes relativ oft, aber in dieser Situation ist es jedes Mal aufs Neue ein einzigartiges Gefühl. Dass ich mit den anderen Mädels zusammen den Kosovo vertreten kann, ist ein Kindheitstraum. Wir wissen, dass wir ein Land vertreten, dass noch nicht so weit entwickelt ist wie andere Nationen in Europa. Deshalb wollen wir als Team in jedem Spiel alles dafür geben, dass wir als Land gesehen werden.
Von 2018 bis 2020 warst du zwei Jahre in der U17 des FC Bayern München aktiv. Wie hast Du die Zeit im Nachwuchs des bayerischen Rekordmeisters erlebt?
Lulaj: Ich konnte in dieser Zeit sehr viel lernen. Die Ausbildung am Campus ist hervorragend. Ich lernte, mein volles Potenzial aus mir herauszuholen und im Training täglich hart an mir zu arbeiten. Auch menschlich habe ich mich weiterentwickelt. Ich musste Verantwortung übernehmen und bin dadurch selbstbewusster geworden. Die Ausbildung beim FC Bayern München ist das Beste, was dir als junge, talentierte Spielerin passieren kann. Als ich im Januar 2021 nach Ingolstadt in die zweite Bundesliga gewechselt bin, habe ich gemerkt, wie entscheidend die zwei Spielzeiten beim FC Bayern in der Jugend-Bundesliga für meine fußballerische Entwicklung waren. Der Sprung vom Nachwuchsbereich in die Frauen-Profiligen ist mir durch die Ausbildung in München einfacher gefallen, ich hatte weniger Anpassungsprobleme.
Nach über zwei Jahren bei den Frauen des FC Ingolstadt 04 und insgesamt 24 Einsätzen in der zweiten Frauen-Bundesliga bist Du im Sommer 2023 zum FFC Wacker München in die Regionalliga Süd gewechselt. Warum?
Lulaj: Von Juli bis Dezember 2022 war ich noch für ein halbes Jahr bei RB Leipzig, ich bin allerdings aus privaten Gründen im Winter wieder zurück nach Ingolstadt gekehrt. Im vergangenen Sommer habe ich mich dann dafür entschieden, einen neuen Schritt zu gehen. Ich bin mit der Überzeugung zu Wacker München gewechselt, dass ich dort auf eine sehr gute und talentierte Mannschaft treffe, die zu den vier bis fünf besten Frauen-Mannschaften in Bayern gehört. Die Regionalliga Süd ist die dritthöchste Frauen-Spielklasse in Deutschland und zugleich eine spannende Liga mit starken Gegnern. Wacker München ist wie eine große Familie und ich habe mich hier vom ersten Tag an wohl und wertgeschätzt gefühlt. Egal, ob Stamm- oder Ergänzungsspielerin: das Trainerteam gibt jeder Spielerin das Gefühl, dass sie gebraucht wird.
Nach fünf Spieltagen steht ihr mit acht Punkten auf Tabellenplatz fünf. Welche Ziele setzt Du dir mit dem FFC Wacker München?
Lulaj: Wir müssen uns als Team weiter kennenlernen, da zur neuen Saison viele Spielerinnen dazugekommen sind. Aber wir harmonieren schon sehr gut zusammen und sind gut in die neue Spielzeit gestartet. Wir schauen jetzt nach vorne und wollen um den Aufstieg in die zweite Liga kämpfen. Das ist unser Ziel: Wir wollen aufsteigen! Mit diesem Mindset sind wir als Mannschaft in die Saison hineingestartet. Jetzt wollen wir unseren Plan in die Tat umsetzen.
Und Ende Oktober steht bereits die nächste Länderspielreise mit der Frauen-Nationalmannschaft des Kosovo bevor. Dann warten die beiden Partien gegen Nordmazedonien in der UEFA Women’s Nations League …
Lulaj: Darauf freue mich riesig! Ich hoffe, Ende Oktober wieder auf dem Lehrgang mit dabei sein zu können. Wir wollen die drei verbleibenden Nations-League-Spiele allesamt gewinnen, um als Gruppensieger vor Bulgarien und Nordmazedonien zu stehen. Es werden harte Begegnungen, aber ich freue mich auf die Matches.
Interview: BFV