Freitagmorgen. Mit einem flauen Gefühl im Magen stehe ich auf. Es ist kein Tag wie jeder andere. Heute werde ich zum ersten Mal als Schiedsrichter auf einem Fußballplatz stehen. Und das, ohne überhaupt eine Prüfung abgelegt zu haben. Eigentlich undenkbar. Doch nun trennen mich nur noch wenige Stunden von meinem Einsatz. Beim Frühstück mache ich mir viele Gedanken. Wie werden die Spieler auf mich reagieren? Was passiert, wenn ich eine falsche Entscheidung treffe? Kann ich dem Druck standhalten? Die Regeln kenne ich nur durch meine eigene Fußballlaufbahn und ein paar Stunden Theorieunterricht aus einem Schiedsrichter-Neulings-Kurs in Forchheim. Mit einem mulmigen Gefühl steige ich in mein Auto und fahre nach Uttenreuth, einer Gemeinde im mittelfränkischen Landkreis Erlangen-Höchstadt.
Rund 45 Minuten vor Anpfiff stelle ich den Wagen auf dem Parkplatz ab. Dort erwartet mich bereits Johannes Gründel mit seiner großen Sporttasche. Der 26-jährige ist 1,80 Meter groß, hat einen Vollbart und steht mir als erfahrener Schiedsrichter bei meinem Tandem-Einsatz zur Seite. „Entspann dich, ich bin während des Spiels immer in deiner Nähe“, sagt er auf dem Weg ins Sportheim. Johannes ist schon seit 2007 Schiedsrichter, pfeift bis in die Bezirksliga und kommt als Assistent auch in der Bayernliga zum Einsatz. Seit 2017 ist er Lehrwart der Schiedsrichtergruppe Forchheim und teilt die Schiedsrichter im Hallenbetrieb und in der C- und D-Jugend ein. Gemeinsam steigen wir die Stufen hinab in den schwach ausgeleuchteten Kabinengang. Mit jeder Stufe, die ich abwärts gehe, steigt bei mir die Anspannung. Die Schiedsrichterkabine am Ende des Gangs kommt immer näher.
Die letzten Vorbereitungen
Normalerweise ist hier nur Platz für maximal eine Person. Auf vier Quadratmetern befinden sich ein schmaler Holztisch, ein kleiner Stuhl und eine Dusche. Wir stellen unsere Sporttaschen ab und Johannes zeigt mir, was er alles dabei hat. Mehrere Trikotsätze für Schiedsrichter in den Farben Blau, Gelb, Schwarz und Grau, Hosen sowie Stutzen. Ich bin verwundert. „Grundsätzlich sollten wir uns von den Trikotfarben der beiden Mannschaften abheben“, sagt er. Gemeinsam entscheiden wir uns für die schwarze Ausrüstung. Nach dem Umziehen überreicht mir Johannes das wichtigste Werkzeug eines Unparteiischen: die kleine schwarze Trillerpfeife.
Noch 30 Minuten bis zum Anpfiff. Für uns geht es jetzt zur Platzkontrolle. Wir überprüfen den Zustand des Rasens, die Spielfeldmarkierungen und die Tornetze. Der Platz macht einen guten Eindruck, die Linien sind klar erkennbar und in den Maschen der Tornetze entdecke ich keine Löcher. Dennoch frage ich bei Johannes nach: „Ist dir etwas Negatives aufgefallen?“ Ist ihm nicht. Unsere Spielvorbereitung ist allerdings noch nicht abgeschlossen. Wir wärmen uns auf. Im lockeren Trab erzählt mir Johannes: „Du bist in unserem Spielkreis der erste, der als Tandem-Schiedsrichter im Einsatz ist.“ Ich atme tief durch. Als ob nicht schon genug Druck auf meinen Schultern lasten würde.
Noch 20 Minuten. Mittlerweile haben auch die beiden Mannschaften den Rasen betreten und wärmen sich auf. Wir reden kurz mit beiden Trainern und führen die Passkontrolle durch. Die Tatsache, dass heute zwei Unparteiische auf dem Platz stehen, nehmen die Coaches der U15-Mannschaften zum Glück gut auf.
Nur noch zehn Minuten. Meine Anspannung steigt weiter. Wir ziehen uns in die Kabine zurück und besprechen uns ein letztes Mal. Die erste Halbzeit wird Johannes leiten. So läuft das beim Projekt Tandem-Schiedsrichter. Die erste Halbzeit leitet der erfahrene Unparteiische, die zweite Hälfte der Schiedsrichter-Neuling. „Versuche mir auf dem Feld zu folgen, meine Laufwege und Positionen zu verinnerlichen, meine Körpersprache zu beobachten und meine Entscheidungen nachzuvollziehen. In der zweiten Halbzeit bist du dann dran. Aber mach dir keine Sorgen. Ich kann jederzeit eingreifen“, sagt er.
Dann geht es los. Ich bin aufgeregt, meine Hände schwitzen. Und das, obwohl ich erstmal nur in der Beobachter-Rolle bin. Am Spielfeldrand warten schon beide Teams auf uns. Gemeinsam laufen wir ein und winken den Zuschauern entgegen. Ein komisches Gefühl, in der Mitte zwischen den beiden Mannschaften zu stehen. Vor dem Münzwurf erklärt Johannes beiden Spielführern, warum heute zwei Schiedsrichter das Spiel leiten. Vor dem Anpfiff zählen wir die Spieler noch einmal durch und fragen bei den Torhütern per Handzeichen nach, ob sie bereit sind. Es kann losgehen.
Anpfiff zur ersten Halbzeit
Das Spiel ist von Beginn an temporeich. Bereits nach wenigen Sekunden liegt der Ball im Netz - ein regulärer Treffer. Das Blitztor macht mir bewusst, dass ich mich als Schiedsrichter von Anpfiff an konzentrieren muss. „Am wichtigsten ist es, immer auf Höhe des Spielgeschehens zu sein“, erklärt mir Johannes. Kurz darauf kommt es an der Seitenlinie zu einem Zweikampf, der Ball fliegt ins Aus. Die Spieler blicken zum Schiedsrichter. Johannes streckt seinen linken Arm waagerecht nach links und untermauert seine Entscheidung mit den Worten: „Einwurf für Schwarz!“
Nach 20 Minuten fängt es an zu regnen. Doch Johannes lässt sich davon nicht beeinflussen. Seine Körpersprache und seine Entscheidungen sind klar und eindeutig. Das merke ich mir. Der Regen wird immer stärker. Noch zehn Minuten bis zur Halbzeit. Mein Trikot ist inzwischen klitschnass, der Stoff klebt an meiner Haut. Ich fühle mich, als würde ich eine Bleischürze mit mir herumtragen. Wenige Minuten vor der Halbzeitpause drängen die Gastgeber nochmal auf den Ausgleich. Wir stehen gut, als das 1:1 fällt. Alles regulär. Johannes holt seinen mittlerweile klatschnassen Notizblock heraus und trägt unbeirrt Spielminute und Nummer des Torschützen ein. Kurz darauf ertönt der Halbzeitpfiff.
In der Kabine ziehen wir unsere nassen Trikots aus und wechseln auf den gelben Trikotsatz. Jetzt verstehe ich auch, wieso Schiedsrichter mit mehreren Trikotsätzen anreisen. Aber jetzt wird es ernst für mich. „Hast du noch einen letzten Tipp?“, frage ich. Johannes rät mir, selbstbewusst und konsequent aufzutreten. Am Mittelkreis stelle ich mich vor Johannes, zähle die Spieler noch einmal durch und frage per Handzeichen bei den Torhütern nach, ob sie bereit sind. Anschließend nehme ich unsicher die Pfeife in den Mund. Ich schaue noch einmal kurz über die Schulter zu Johannes und puste dann kräftig hinein.
Zweite Halbzeit: Ich bin der Chef auf dem Platz
Bereits nach wenigen Sekunden bin ich das erste Mal gefordert. Ein Schuss wird ins Toraus abgefälscht. Da ich einen guten Blick auf die Situation habe, kann ich erkennen, dass zuletzt ein Spieler der Gäste den Ball berührt hat. Ich entscheide auf Eckball. „Gut gemacht“, lobt mich Johannes. Sein Feedback gibt mir Sicherheit. Wenige Sekunden später geht es in die andere Richtung. Ich sprinte los, um so schnell wie möglich wieder nah am Spielgeschehen zu sein. Nach einem Zweikampf rollt der Ball auf der rechten Außenbahn ins Seitenaus. Ich bin mir etwas unsicher, nehme aber all meinen Mut zusammen und sage „Einwurf für Blau“. Schließlich bin ich es, der jetzt eine Entscheidung treffen muss. Nervös bin ich trotzdem, da ich nicht weiß, wie die Spieler reagieren. Der Moment zwischen meiner Entscheidung und den Reaktionen der Spieler und Zuschauer fühlt sich wie eine Ewigkeit an. Keine Proteste – ich atme befreit auf. Aber dieser permanente Druck, mich im Minuten- oder gar Sekundentakt festlegen zu müssen, ist für mich nicht alltäglich.
Dennoch merke ich im Verlauf der zweiten Hälfte, dass ich immer selbstbewusster werde. Während ich mich zu Beginn immer noch ein wenig an Johannes orientiert habe, entwickele ich nach etwa zehn Minuten meine eigene Art, das Spiel zu leiten. Die nächste knifflige Situation lässt nicht lange auf sich warten: Nach einem langen Ball der Gäste steht der Stürmer deutlich im Abseits, greift aber nicht aktiv in das Spielgeschehen ein. Trotz vereinzelter Abseits-Rufe der Zuschauer lasse ich die Partie weiterlaufen. Kurze Zeit später spricht mich Johannes auf die vermeintliche Abseitsstellung an: „Du hast alles richtig gemacht. Das war kein Abseits.“ Ich bin froh, diese heikle Situation richtig bewertet zu haben.
„Wenn sie es besser wissen, pfeifen Sie doch selbst!“
Doch das Spiel ist noch lange nicht zu Ende. Plötzlich schreit ein Spieler der Gastgeber auf, der sich wenige Meter hinter mir befindet. Es wird laut und hektisch. Ich drehe mich verdutzt um und bemerke, dass ein Spieler des SC Uttenreuth mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Boden liegt. Mein Puls geht schlagartig nach oben. Ein älterer Herr ruft empört herein: „Jetzt stehen die schon zu zweit auf dem Platz und sehen so etwas nicht!“ Da ich nicht gesehen habe, was passiert ist, bin ich mit der Situation überfordert. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Freistoß? Verwarnung? Wenn ja, für wen? Zum Glück ist mein Tandem-Begleiter an meiner Seite. Johannes erkennt die Lage, zögert keinen Moment und handelt sofort. Er erkundigt sich kurz bei dem am Boden liegenden Spieler und entscheidet dann auf Freistoß für die Heimmannschaft. Ich weiß wirklich nicht, was ich ohne ihn gemacht hätte. Da sich der ältere Herr immer noch lautstark beschwert, konfrontiert ihn Johannes direkt: „Wenn Sie alles besser wissen, pfeifen Sie das Spiel doch selbst.“ Als sich die Stimmung wieder beruhigt, frage ich meinen Kollegen, wie er in so einer kritischen Situation derart gelassen bleibt. „Es ist unsere Aufgabe, Entscheidungen zu treffen. Dafür sind wir da. Je mehr Erfahrung du hast, desto leichter fällt es, Konflikte zu lösen.“
Jetzt übernehme ich wieder das Kommando. Es sind nur noch knapp zehn Minuten. Wie schnell die Zeit vergeht. Uttenreuth spielt sich mit mehreren Pässen über die rechte Außenbahn nach vorne. Im Strafraum kommt es zum Zweikampf. Der Stürmer geht zu Boden, der Ball fliegt ins Aus. Für mich zu wenig für einen Elfmeter. Ich zeige mit meinem gestreckten Arm zur Eckfahne: „Eckball, kein Elfmeter.“ Beim darauffolgenden Eckstoß fordere ich: „Lasst die Hände weg!“ Der Ball fliegt in den Strafraum, wird aber von den Gästen abgefangen. Ein Konter und ich muss wieder mit. Mittlerweile ringe ich wesentlich mehr nach Luft als zu Beginn der Partie. So langsam geht mir die Puste aus. In den letzten Minuten habe ich das Spiel trotz meiner Konditionsprobleme aber gut im Griff. Nach 70 Minuten pfeifen Johannes und ich gemeinsam die Partie mit drei lauten, aufeinanderfolgenden Pfiffen ab.
Wichtige Aufgaben – auch nach dem Abpfiff
Geschafft. Ich habe mir beim Frühstück wohl zu viele Gedanken gemacht. Alles in allem glaube ich, dass ich mich gar nicht so schlecht angestellt habe. Mein Tandem-Begleiter kommt lächelnd auf mich zu und klopft mir auf die Schulter: „Gut gemacht. Aber noch ist unser Einsatz nicht beendet.“ Während wir in Richtung Umkleide laufen, äußert sich Johannes zu meiner Leistung: „Du hast echt Talent. Bis auf ein paar Kleinigkeiten hast du alles richtig gemacht.“ Das will ich genauer wissen. Auf Nachfrage zählt er mir ein paar Situationen auf, in denen ich der falschen Mannschaft einen Einwurf zugesprochen oder einen falschen Einwurf nicht geahndet habe. Er hat Recht, mein inneres Hochgefühl schwindet. „Wie gehst du mit Fehlentscheidungen um?“, frage ich ihn. „Fehlentscheidungen sind natürlich ärgerlich, passieren aber. Wir Schiedsrichter sind auch nur Menschen. Das wird leider oft vergessen.“ Kaum in der Kabine, warten schon die nächsten Aufgaben auf uns. Gemeinsam füllen wir den Spielberichtsbogen aus und laden ihn im DFBnet hoch – ganz bequem per Smartphone. Bleibt noch die Spesenquittung, in die wir Datum, Uhrzeit, Ort, die beteiligten Vereine, die Höhe der Aufwandsentschädigung sowie Angaben zur Person inklusive der zugehörigen Schiedsrichtergruppe eintragen. Erst nachdem wir mit dem Papierkram fertig sind ziehen wir uns um. Ein bisschen Wehmut ist schon dabei, als ich mein Schiedsrichter-Trikot ausziehe. Als kleines Andenken an meinen ersten Schiedsrichter-Einsatz schenkt mir Johannes dafür die Trillerpfeife. Eine tolle Geste!
„Jetzt holen wir uns unseren Lohn“, sagt Johannes. An der Theke des Vereinsheims nimmt er unser Geld entgegen und reicht die 21 Euro direkt an mich weiter. Wow, damit hätte ich nicht gerechnet. „Du hattest die längere Anreise und hast es dir verdient. Ich hoffe, du stehst schon bald wieder auf dem Platz. Du bringst alle Voraussetzungen dafür mit“, sagt Johannes zum Abschied. Auf der Heimfahrt komme ich ins Grübeln. Soll ich wirklich die Prüfung zum Schiedsrichter machen? Es war eine besondere Erfahrung und Spaß hat es mir definitiv gemacht. Was spricht also dagegen? Das flaue Gefühl beim Aufstehen lässt bestimmt immer mehr nach.
Interesse? Werde Teil des Teams!
Hast auch du Interesse daran, eine Laufbahn als Fußball-Schiedsrichter einzuschlagen? Dann melde dich am besten noch heute bei deiner Schiedsrichter-Gruppe um die Ecke für den nächsten Schiedsrichter-Neulingskurs an! Mehr Informationen zur Schiedsrichterausbildung und eine Terminübersicht für die nächsten Neulingskurse findest du unter https://www.bfv.de/bildung-und-foerderung/schiedsrichterausbildung/schiedsrichterausbildung.