Wenn Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter der Gruppe Jura Nord über die Landesgrenze hinaus pfeifen, dann bringt das viele neue Eindrücke mit sich – neue Vereine, neue Abläufe, andere Fußballkulturen, manchmal auch sprachliche Herausforderungen. Zwei von uns haben diesen Schritt gewagt: Julia Schineller, die in Tirol pfeift, und Ralph Rößner, der in Wien zum Einsatz kommt. Beide erzählen im Interview mit den Schwarzen Seiten, wie es dazu kam, was sie in Österreich erlebt haben – und was man aus ihren Erfahrungen auch für den heimischen Spielbetrieb mitnehmen kann.
Bei beiden begann alles mit einem ganz praktischen Anlass. Julia erzählt: „Mein Studium hat mich nach Innsbruck gezogen, und da ich nicht jedes Wochenende nach Hause fahren konnte, wollte ich trotzdem weiter pfeifen – also habe ich angefangen, hier in Österreich zu pfeifen.“ Ralph kam durch familiäre Gründe zum Pfeifen in Wien: „Meine Frau arbeitet in Wien. Ich besuche sie alle zwei Wochen, meist reise ich schon freitagfrüh an – und so hat sich die Idee ergeben, die freie Zeit mit dem Pfeifen zu verbinden.“ Waren die konkreten Anlässe also auch unterschiedlich, einte beide Jura Nordler aber die gleiche Motivation: die Leidenschaft für den Fußball auch außerhalb der Heimat fortzuführen.
Sowohl Tirol als auch Wien haben eigene Schiedsrichterstrukturen – kleiner, direkter und zugleich in vielen Details anders organisiert als in Bayern. Julia erinnert sich an ihren Start: „Ganz am Anfang wurde ich vom Regelreferenten Thomas Pohl in die Regelunterschiede und auch formalen Abläufe wie Abrechnung oder ESB eingeführt, und dann konnte ich eigentlich schon ganz normal anfangen zu pfeifen.“ In Innsbruck, erzählt sie, gebe es etwa 70 Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter – eine vergleichsweise kleine, aber sehr persönliche Gemeinschaft. Auch Ralph berichtet von einer offenen Aufnahme in Wien, allerdings mit anderem Schwerpunkt: „Im Rahmen des SR-Trainings konnte ich mit den Wiener Neulingen einen Intensivkurs zu Pfiff, Fahnenzeichen und Mauerstellen machen.“ Während Julia regelmäßig an Sitzungen und Sommerseminaren teilnimmt, ist in Wien das System stärker trainingsorientiert.
Julia pfeift in Tirol vor allem im Herrenbereich, denn: „Der Damenfußball ist hier leider noch nicht so populär wie zu Hause.“ Trotzdem durfte sie schon bedeutende Begegnungen leiten – darunter das KerscherTirolCupfinale der Frauen, bei dem sogar ihr Vater und Bruder zuschauten. Ralph dagegen kommt in Wien bei Jugendspielen von der U13 bis zur U18 meist in der A-Liga, teilweise aber auch in der Wienliga, der höchsten Klasse der Stadt, zum Einsatz: „Bisher Jugendspiele bis U18. Da waren viele interessante Mannschaften dabei – Rapid, Austria, Vienna, FAC.“
Für Schiedsrichter spannend sind natürlich die Unterschiede im Reglement. Julia nennt die auffälligste Besonderheit gleich zu Beginn: „In Tirol gibt es im Jugendbereich keine Gelbe Karte als Verwarnung, sondern direkt eine blaue Karte mit Zeitstrafe.“ Ralph hat dafür andere Erfahrungen gemacht: „Im Jugendbereich in Wien sind Ordner vorgeschrieben. Ohne mit Westen ausgerüstete Ordner kein Anpfiff!“ Während Tirol zusätzliche Wechselfenster kennt – fünf Einwechslungen in maximal drei Unterbrechungen, Rückwechsel nicht erlaubt – wird in Wien vor allem auf Ablauforganisation und Sicherheit Wert gelegt.
Besonders anschaulich werden die Unterschiede, wenn es um die Spielvorbereitung und Abrechnung geht. Julia beschreibt den Tiroler Ablauf sehr genau: „In Tirol läuft alles über eine Webseite. Eine Abmeldung ist maximal elf Tage vorher möglich, und die Einteilungen fürs Wochenende bekommt man am Sonntag oder Montag per E-Mail.“ Ein Detail, das sie amüsiert, ist der Drucker in jeder Schirikabine: „Die Trainer wollen oft einen Ausdruck, auf dem beide Aufstellungen draufstehen.“ In Wien läuft das etwas anders, wie Ralph erklärt: „Die Spesen gibt es meist vor dem Spiel. Da es Fixbeträge sind, legen manche Vereine schon eine fertige Quittung vor, die man nur noch unterschreiben muss.“
Ein Thema, das beide sofort erwähnen, sind die Platzverhältnisse. Julia: „Fast alle Vereine haben einen Kunstrasenplatz. Das ist echt praktisch – so konnten im Winter viele Spiele ausgetragen werden.“ Ralph nickt gedanklich mit: „Bisher waren meine Spiele alle auf Kunstrasen – oft unter Flutlicht. Die Rasenplätze sind nicht immer im besten Zustand, und die Kabinen meist einfacher als in Mittelfranken.“ Während also Tirol durch gepflegte, wetterunabhängige Anlagen punktet, zeigt Wien eher die städtische, funktionale Seite des Amateurfußballs. Ein weiterer Punkt, den Julia betont, ist die Sprache: „Fast alle Spieler haben einen Dialekt, und je nachdem, wo man in Tirol eingeteilt wird, ist es teilweise wirklich schwer zu verstehen.“
Beide verbinden mit ihren Auslandseinsätzen viele schöne Erinnerungen. Julia schwärmt von ihrem Frauen-Cupfinale und dem Besuch von Lutz Wagner beim Tiroler Gebietsseminar: „Das war echt toll, ihn persönlich zu erleben.“ Außerdem durfte sie beim CordialCup die U15-Mädchen pfeifen – gemeinsam mit einem Austausch-Schiedsrichter aus Deutschland. Ralph wiederum blickt auf ein besonderes Stadionerlebnis zurück: „Ich durfte mich in der Schirikabine des Allianz-Stadions von Rapid Wien umziehen – sehr geräumig und gut ausgestattet, mit Video, Kühlschrank und Kaffeemaschine.“
So unterschiedlich Tirol und Wien auch sind – die Leidenschaft für das Schiedsrichterwesen verbindet. Julia fand in den Bergen Tirols eine herzliche, fast familiäre Gruppe, Ralph in Wien eine strukturierte, aber offene Organisation mit spannenden Einsätzen. Ob auf dem Kunstrasenplatz in Innsbruck oder unter Flutlicht in Wien – Schiedsrichterei kennt keine Grenzen. Denn egal, ob blaue Karte oder Pflichtlauftraining, ob Dialekt oder Fixspesen: Fairness, Regelverständnis und Freude am Spiel sind überall gleich.
Text: Tobias Dollenmaier