Die langjährigen Regionalliga Cracks im Porträt
In der schwierigen Phase der Corona-Krise stehen wir im Austausch mit interessanten Gesprächspartnern aus der regionalen Schiedsrichterszene der SRG Bayerwald. Trotz der bereits vorerst letzten erschienenen Ausgabe der 1. Staffel, haben wir uns aufgrund der positiven Resonanzen entschlossen, eine erstmalige Sonder-Edition zu präsentieren.
Ein packendes Doppelinterview mit den ehemaligen Regionalligareferee‘s Stefan Bloch (37) aus Grafenau, der seine Karriere mittlerweile beendet hat und dem mittlerweile für die SRG München Süd pfeifenden Benedikt Ölllinger (32), wartet auf euch. Der gebürtige Riedlhütter ist aktuell als Referee in der Bayernliga aktiv und hat auch das Amt des Lehrwartes in der Landeshauptstadt inne …
Servus Stefan, Servus Bäne, schön dass ihr euch Zeit genommen habt. Stefan du hast deine Karriere 2015 beendet. Wie geht´s dir aktuell privat und beruflich. Vermisst du die Zeit als Schiedsrichter?
Stefan Bloch: Servus Ihr Beiden. Mir geht’s sehr gut. Ich bin mittlerweile glücklich verheiratet und habe eine wundervolle Tochter. Nach meinem beruflichen „Auswärtsspiel“ in den Jahren 2015-2018 in Münster (NRW) bin ich wieder in meine Heimat zurückgekehrt und bastle seither an meiner beruflichen und privaten Zukunft. Seit 2019 bauen wir unser Eigenheim. Daher ist mein Terminkalender durch private und berufliche Aktivitäten „rappelvoll“.
Auch 5 Jahre nach meinem Karriereende gibt es noch viele Situationen, wo ich an meine aktive Zeit als Schiedsrichter gerne und dankbar zurückblicke. Insbesondere wenn ich mit alten Weggefährten spreche und wir die eine oder andere Anekdote Revue passieren lassen.
Bäne, du hast nach deinem zweiten Regionalligaaufstieg 2017 die SRG Bayerwald berufsbedingt verlassen müssen und bist nun für die SRG München Süd aktiv, nicht nur als Referee, auch (erneut) als Lehrwart. Wie gefällt´s Dir in München in deiner neuen Gruppe?
Benedikt Öllinger: Servus, ja das stimmt. Ich wohne ja bereits seit 2012 in München und irgendwann war es soweit, dass ein Wechsel zur SRG München-Süd alternativlos war. Obwohl ich nicht vorhatte, wieder aktiv ins Funktionärswesen einzusteigen, ließ ich mich vor über einem Jahr von meinem Münchner Obmann Walther Michl überzeugen, den Lehrwartposten zu übernehmen. Ich übte dieses Amt ja bereits einige Jahre bei der SRG Zwiesel aus.
Die beiden Gruppen kann man jedoch überhaupt nicht vergleichen. Im Bayerwald kannte ich jeden aktiven SR, man traf sich einmal in der Woche beim Lauftreff und verbrachte viele weitere Stunden bei Treffen nach den Spielen.
In München ist das viel anonymer. Allein in meiner Gruppe gibt es ca. 450 Schiedsrichter. Wir haben ab dem Bezirk 18 Gespannsführer, davon 8 Bayernliga-SR und einen Regionalliga-SR. Jedes Wochenende müssen Hunderte von Spielen besetzt werden, da kann man die Entwicklung einzelner Schiedsrichter nicht so optimal verfolgen. Zum Glück haben wir ein top Niveau im Ausschuss und können unseren Talenten top Beobachter schicken, weil auch die Höherklassigen SR uns unterstützen.
Ihr habt einige Jahre in Bayerns höchster Amateurklasse, sprich der Regionalliga Bayern Spiele leiten dürfen. Wie viel harte Arbeit steckt hinter diesem Erfolg und was war das Rezept in der Liga dann auch seinen Mann zu stehen?
Stefan Bloch: Die entscheidenden Faktoren sind Talent, persönlicher Ehrgeiz und Wille, Empathie, Selbstdisziplin, Zeitmanagement, Organisationstalent, Kritikfähigkeit, körperliche Fitness, Regelkenntnis, Förderer und eine große Portion Glück. Wenn ein Faktor niedrig ausgeprägt ist, wird es umso schwieriger erfolgreich zu sein. Im Gegensatz zu Benedikt und vielen anderen hervorragenden Schiedsrichtern zu meiner aktiven Zeit, habe ich bei weitem nicht so viel Talent mitgebracht. Trotzdem konnte ich durch einen erhöhten Einsatz an persönlichen Ehrgeiz gepaart mit entsprechenden Fürsprechern und einer Portion Glück zur gegebenen Zeit meinen Weg bis zur Regionalliga Bayern gehen.
Die Entwicklungswege von Benedikt und von mir sind sehr unterschiedlich. Trotzdem sind wir gemeinsam bis zur höchsten Amateurklasse vorgestoßen. Das ist in Zeiten von Schiedsrichtermangel eine wichtige Botschaft an die jungen Schiedsrichter. Es gibt verschiedene Wege, um seine gesteckten Ziele zu realisieren. Talent ist natürlich sehr förderlich. Allerdings habe ich auch viele sehr talentierte Schiedsrichter scheitern gesehen, da einer der oben angesprochenen Aspekte zu niedrig ausgeprägt war.
Das Niveau der Regionalliga-SR war zu meiner Zeit schon sehr hoch. Damals begann die mediale Weiterentwicklung und Professionalisierung in Anlehnung an die Profiligen (u. a. Einführung von BFV.TV). Es nicht ausreichend, eine richtige Entscheidung auf dem Platz zu treffen, sondern du musst diese auch gegenüber deinem Umfeld (Spieler, Zuschauer, Beobachter etc.) aktiv und positiv „verkaufen“ können. Du brauchst ausgeprägte Kommunikationsfähigkeiten, um das Spiel umsichtig zu leiten. In dieser Liga spielen einerseits sehr junge und talentierte Nachwuchsleute als auch viele „ausgebuffte“ Ex-Profis. Diese Spieler mit unterschiedlichen Interessenslagen und Zielen müssen und wollen aktiv geführt werden. Letztlich ist nicht die isolierte Einzelscheidung wichtig, sondern dass du als Schiedsrichter bei deiner Spielleitung durchgängig authentisch, berechenbar und nachvollziehbar bleibst. Des Weiteren ist die Kontinuität und die Harmonie im Schiedsrichterteam sehr wichtig. Du verbringst mit deinen beiden Assistenten an den Wochenenden mehr Zeit als mit deiner Familie. Dadurch ist es sehr wichtig, dass zwischenmenschlich die Chemie passt. Ich hatte das große Glück, in jeder Phase meiner Laufbahn herausragende Assistenten an meiner Seite zu haben, denen ein großer Teil meines Erfolges zuzuschreiben ist. Stellvertretend für alle meine Assistenten, die mich auf meinem Weg in die Regionalliga Bayern begleitet haben, möchte ich an dieser Stelle ganz herzlich Benedikt Öllinger und Andreas Hartl für den stets konstruktiven und vertrauensvollen Austausch danken. Wir haben uns gegenseitig aktiv unterstützt und angetrieben. Dadurch konnten wir uns gemeinsam weiterentwickeln.
Benedikt Öllinger: Ich denke es fängt schon sehr früh an, oft beim Neulingslehrgang. Wer ist interessiert, wer holt sich Tipps, wer schaut sich Fußballspiele nicht nur wegen der beiden Mannschaften an. Bei mir war mit Sicherheit Talent im Spiel, jedoch auch sehr viel Ehrgeiz und Wille. Die Schiedsrichterei war bei mir immer an erster Stelle, sowohl als Schiedsrichter im Kreis, als auch später im Verband und beim DFB. Auch der Job muss da mitmachen. Und der Partner. Bei mir ging damals u.a. deswegen eine Beziehung in die Brüche, weil ich nur noch unterwegs war.
Neben den genannten Eigenschaften gehört auch viel Glück dazu. Von den richtigen Beobachtern bei den Spielen beobachtet zu werden, bei denen man auch gefordert wird und zeigen kann, was man kann. Oft spielen auch andere Punkte eine Rolle. Alter, Bezirk oder Landesverband, Optik, etc. Es muss einfach alles passen.
Aufgrund dessen schaffen es zum Schluss auch nur sehr wenige bis ganz nach oben. Und weil ich eben nicht immer das Umsetzen konnte, was vielleicht möglich gewesen wäre, war bei mir in der A-Jugend Bundesliga und in der Regionalliga Endstation. Zu dieser Zeit gehörte ich jedoch zu den 100 besten SR aus ganz Deutschland, damals waren es ca. 80.000. Darauf bin ich immer noch sehr stolz.
Viele SR kritisieren immer wieder das System, fühlen sich ungerecht behandelt. Ich habe versucht, mich daran nie so richtig zu beteiligen. Ich habe immer gesagt, dass auch ich sehr von diesem System profitiert habe. Irgendwann kommt aber bei jedem der Zeitpunkt, an dem andere noch mehr als einer selbst davon profitierten. Man muss dann so fair sein und dies akzeptieren. Deswegen habe ich nach meinen beiden Abstiegen aus der Regionalliga auch weitergemacht und nicht aufgehört.
Mit der Einführung von BFV-TV oder den TV-Beobachtungen wurde es generell schwieriger. Man wusste nach den Spielen nie so richtig, wie die Bewertung ausfallen wird. Auch wenn man selbst und auch der Beobachter ein gutes Gefühl hatte, konnte es im TV ganz anders wirken. Damit musste man umgehen können.
Generell muss man aber sagen, dass das Schiedsrichterniveau, gerade in der Regionalliga richtig gut war und ist. Da gibt es keine „schlechten“ Schiedsrichter mehr.
Ihr seid beide lange genug dabei bzw. gewesen und habt somit viel erlebt. Wie sehr hat euch die Zeit als Mensch geprägt und was waren die persönlichen „Highlights“ in eurer Laufbahn?
Stefan Bloch: Ich habe dem Schiedsrichterwesen sehr viel zu verdanken. Diese Zeit hat mich zu der Persönlichkeit reifen lassen, die ich heute bin. Ich kann hier viele Parallelen zu meiner beruflichen Laufbahn erkennen. Darin profitiere ich sehr stark von meinen damals erworbenen Fähigkeiten (u. a. Durchsetzungsvermögen, Gespür für die richtigen Entscheidungen zur richtigen Zeit, Ehrgeiz, Disziplin, Teamgeist, Führungskompetenz und aktives Verkaufen meiner Entscheidungen gegenüber meinem Umfeld etc.). Daher kann ich jedem das Hobby „Schiedsrichter“ im Hinblick auf seine persönliche Entwicklung empfehlen.
In 15 Jahren aktive Schiedsrichterzeit gab es sehr viele Highlights. Zu meiner Zeit haben wir die Spiele der Kreisliga noch allein ohne Assistenten geleitet. Daher war für mich persönlich ein erstes Highlight, als ich in die Bezirksliga aufgestiegen bin und zukünftig Spiele im SR-Gespann leiten durfte. Unvergessen für mich sind zahlreiche Entscheidungsspiele mit einer stets besonderen Atmosphäre aufgrund des KO-Charakters, meine Einsätze als Assistent von Benedikt Öllinger in der A-Jugend Bundesliga und Markus Pflaum in der alten „DFB-Regionalliga“. Horizont erweiternd waren die Auslandseinsätze in Österreich und Tschechien. In der Regionalliga Bayern habe ich es genossen, wenn ich in den großen Stadien auflaufen durfte. Insbesondere im Grünwalderstadion (teilweise auch unter Flutlicht) habe ich sehr gerne Spiele geleitet. Als sehr emotional bleiben meine beiden Abschiedsspiele Osterhofen gegen Hauzenberg (Endspiel um die Meisterschaft) im Bezirk und Würzburger Kickers gegen SpVgg Fürth II auf Verbandsebene in Erinnerung. Absolutes Karrierehighlight war für mich das Benefizspiel TSV Regen gegen den FC Bayern München (u. a. mit Pep Guardiola, Philipp Lahm, Toni Kroos, Thomas Müller, Frank Ribéry, Jerome Boateng etc.) im Jahr 2013. Ich durfte zusammen mit Benedikt Öllinger vor knapp 7000 Zuschauern als Assistent mitwirken.
Benedikt Öllinger: Ich habe immer gesagt, dass die Schiedsrichterei eine kostenlose Persönlichkeitsschulung sei. Wo sonst hat man mit mindestens 22 verschiedenen Charakteren zu tun und muss auch schon im jungen Alter lernen, sich durchzusetzen.
Ich bin mir sicher, dass mich mein Hobby auch zu dieser Persönlichkeit gemacht hat, die ich heute bin und mir auch bei meiner beruflichen Tätigkeit als Polizeibeamter sehr zu Gute kommt.
Highlights gab es viele. Natürlich denkt man zuerst an „große Spiele“. Ich durfte das A-Jugend Bundesliga Derby FC Bayern gegen 1860 München im Grünwalder pfeifen, war bei Fernsehspielen wie Darmstadt 98 gegen Hessen Kassel dabei oder durfte bei RB Leipzig im WM-Stadion assistieren. Auch mal vor einem Spiel übernachten oder mit dem Flugzeug anreisen, waren damals Highlights. Ich durfte auch ein paar Mal bei Spielen der Profi-Mannschaft des FC Bayern dabei sein. Oder Spiele mit meinem jetzigen Kumpel Stephan Hain. Stephan und ich lernten uns vor ca. 20 Jahren in der Klaus-Fischer-Fußballschule kennen. Kurioserweise schaffte ich es, ihn in jeder Mannschaft, in der er in seiner Karriere spielte, zu pfeifen.
Viel lieber denke ich aber an persönliche Highlights zurück. Unzählige Telefonate mit meinem „väterlichen Freund“ und Jugendwart Friedhelm Wildfeuer, Gespannsausflüge als „junger Hupfer“ mit Rainer Pongratz, das zufällige Kennenlernen bei einem Spiel mit meinem späteren Trauzeugen Andreas Hartl oder das Abschiedsspiel von Stefan Bloch in Würzburg.
Welche Tipps könnt ihr als erfahrene Top Schiris unseren vielen jungen, aufstrebenden Talenten in der Gruppe geben, damit das ganze Potenzial ausgeschöpft werden kann?
Stefan Bloch: Ich verweise auf meine Antwort zu Frage 3 (kritische Erfolgsfaktoren für eine erfolgreiche SR-Karriere). Darüber hinaus sollten unsere jungen Talente mit viel Spaß und großem Engagement an die Sache rangehen, sich realistische Ziele setzen und versuchen, ihre Spielleitungen selbstkritisch zu hinterfragen, um sich kontinuierlich zu verbessern (gemäß dem Leitspruch des ehemaligen BSO Franz Bachinger, den ich persönlich sehr geschätzt habe: STILLSTAND IST RÜCKSCHRITT). Manchmal schadet auch eine gewisse „Demut“ nicht. Die Talente werden heut zu Tage viel intensiver begleitet und gefördert als zu meiner Zeit. Das erfordert ein hohes Engagement seitens der Betreuer aber auch eine gewisse Offenheit des Schiedsrichters, diese wichtigen Impulse aufzunehmen und aktiv umzusetzen. Sie sollten sich durch Rückschläge (und die hat jeder SR zur Genüge) nicht entmutigen lassen, sondern daraus lernen, um gestärkt aus solchen schwierigen Phasen herausgehen. Hinfallen ist keine Schande, nur Liegenbleiben.
Benedikt Öllinger: Talent und Ehrgeiz sind für mich am Wichtigsten. Wer aber auf zu vielen Hochzeiten tanzt, kann sich nicht auf das Wesentliche konzentrieren. Erfahrungen bei höherklassigen Gespannsführern sammeln, sich positive, aber auch negative Eigenschaften abschauen. Viele Spiele pfeifen und winken, jedoch auch mal bewusst pausieren. Vor wichtigen Beobachtungsspielen soll man ausgeruht und nicht „überpfiffen“ sein.
Bei Lehrgängen immer präsent sein, top Leistungen auf der Laufbahn und beim Regeltest bringen. Veranstaltungen der Gruppe besuchen und somit Interesse an der Gemeinschaft bekunden. Und nicht immer nur auf die Konkurrenz achten, sondern auf sich selbst schauen, ehrlich zu sich selbst sein. Nicht jeder kann Bundesliga-Schiedsrichter werden. Für viele ist es auch ein Erfolg, Kreisliga oder Bezirksliga zu pfeifen.
Kurz möchte ich auch das Headset ansprechen. Eine tolle Hilfe. Jedoch ist es meist mehr Fluch als Segen. In den Anfangsjahren sollte auf das Headset verzichtet werden. Bei mir war es rückwirkend leider so, dass mir das Headset eher geschadet hat. Ich habe meinen eigenen Fähigkeiten nicht mehr richtig vertraut und mich beeinflussen lassen. Ohne Headset war ich eine stärkere Persönlichkeit als mit.
Abschließende Frage: Gibt’s eine nette Anekdote von euch beiden aus ehemaligen Zeiten in der SRG Zwiesel?
Stefan Bloch: Da gibt es sehr viele …. J! Allerdings sind wenige für die Öffentlichkeit bestimmt! Was ich niemals vergessen werde, war unser „SR-Ausflug“ im Mai 2010 nach Madrid zum Champions League Finale zwischen dem FC Bayern und Inter Mailand. Wir sind mit einem reparaturbedürftigen Neunsitzer-Bus 24 Stunden vom bayerischen Wald über die Schweiz und Frankreich nach Madrid gefahren (2.157 km – einfach). Da hatten wir viel Zeit, über das wunderbarste Hobby der Welt zu philosophieren.
Benedikt Öllinger: Schwierige Frage. Spontan fällt mir dazu nichts ein. Bei Stefan lief im Auto kurz vor dem Spielort immer „Hells Bells“ von ACDC im Auto. Und bei der Weihnachtsfeier war es Tradition, dass wir immer Brot und „Geselchtes“ ersteigern, von dem sich dann alle bedienten. Manchmal haben wir uns auch gegenseitig nach oben gesteigert.
Vielen Dank für das Gespräch, Stefan & Bäne! Eine gute Zeit, bleibt gesund und bis hoffentlich bald mal wieder! ;)
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