Torlinientechnik, Videoschiedsrichter, computergestützte Spielanalyse: Im Profifußball spielen Digitalisierung und der Einsatz von Künstlicher Intelligenz längst spielentscheidende Rollen. Aber wie sieht es im Amateurfußball aus? Können es sich Vereine künftig noch leisten, diese Themen links liegen zu lassen? Wo kann der Einsatz moderner Hilfsmittel bereits heute die Vereins- und Verbandsarbeit erleichtern, wenn es beispielsweise um Trainingsgestaltung, Belegungspläne für Sportplätze, die Mitgliederverwaltung oder die Erstellung von Spielplänen geht? Und wie ist es um das Thema Datensicherheit bestellt? Sven Laumer, Professor an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg für Wirtschaftsinformatik mit den Schwerpunkten Digitalisierung in Wirtschaft und Gesellschaft und Beauftragter für die Digitalstrategie beim Bayerischen Fußball-Verband, setzt sich im BFV-Interview mit den drängendsten Fragen auseinander.
Warum kommt der analoge Amateurfußball eigentlich am Thema „Digitalisierung und künstliche Intelligenz“ nicht vorbei?
Sven Laumer: Seit ich vor zweieinhalb Jahren die Rolle des Beauftragten für die BFV-Digitalstrategie übernommen habe, habe ich eigentlich diesen Leitsatz geprägt: Um analog bleiben zu können, muss der Fußball digitaler werden! Warum ist das wichtig? Wir sehen die gesamtgesellschaftliche Entwicklung, dass in immer mehr Bereichen unseres Lebens – sowohl im Beruf als auch im Privaten – durch Digitalisierung neue Angebote entstehen. Damit verbunden ist einerseits großes Potenzial. Prozesse können besser werden, administrative Aufgaben können vereinfacht werden. Das heißt, diese Themen schaffen Freiheiten für ehrenamtliches Engagement, neue Organisationsstrukturen werden möglich, der Sport kann sich vielleicht selbst digital organisieren. Das heißt: Die Technik erleichtert uns in vielen Bereichen Kommunikation, Spielbetrieb, Ehrenamt, Nachwuchsarbeit etc., sodass wir besser werden!
Und andererseits?
Laumer: Andererseits müssen wir sehen, dass sich die Menschen in ihrem Leben immer digitaler organisieren und daraus entsprechende Ansprüche ableiten. Das heißt: Wenn etwas nicht im Digitalen stattfindet oder es keine Möglichkeiten gibt, das, was im Analogen passiert, in der digitalen Welt zu organisieren, dann werden wir viele Menschen verlieren, die im Amateurfußball unterwegs sind. Dazu ein einfaches Beispiel: die Taxi-Industrie und Uber. Es hätte vermutlich keiner für möglich gehalten, dass eine simple App, mit der plötzlich ganz viele Menschen Fahrten anbieten und damit Geld verdienen können, eine über Jahrzehnte etablierte Industrie wie die Taxi-Industrie in so kurzer Zeit vor solche Herausforderungen stellt. Und Ähnliches kann auch im Sport passieren - also, dass privatwirtschaftliche Anbieter kommen und das Sportangebot so digital organisieren, dass es sich in das Leben der Menschen wesentlich einfacher integrieren lässt und diese dann eher diese Angebote nutzen. Das ist meine große Sorge: Wenn wir diese Entwicklung als Verband, als Verein verschlafen, übernehmen eben andere und der Sport findet nicht mehr im Verein, nicht mehr im Verband statt. Das wäre natürlich fatal, denn Vereine haben eine wichtige soziale und gesellschaftliche Bedeutung. Da passiert ja mehr als nur der Sport. Es geht beim Thema KI und Digitalisierung also um die Frage: Bleiben die Menschen bei unserem Angebot und dem Fokus auf das meiner Meinung nach sehr werthaltige Vereinsleben oder macht am Ende die Privatwirtschaft mit dem reinen Fokus auf finanziellen Gewinn das Rennen? Ohne uns den Themen „Digitalisierung“ und „KI“ zu stellen, wird dieses Rennen sehr schnell entschieden sein.
Was droht denn? Fußball wird halt im Verein gespielt.
Laumer: Ja, noch! Wenn es für fußballinteressierte Kinder, Jugendliche und Erwachsene künftig einfacher ist, sich über eine private Plattform oder eine App zu organisieren kann sich das auch ganz schnell ändern.
Eine KI-basierte App?
Laumer: Ja, eine, die weiß, dass ich fußballbegeistert bin und gerne kicken möchte, dass ich von 17 bis 19 Uhr Zeit habe, dass ich dann am Platz XY sein könnte, der dann auch frei ist – weil er zum Beispiel von einem Verein auch angeboten wird, um zusätzliche Einnahmen zu generieren. Und dass für die Zeit mit einer nahezu 100prozentigen Wahrscheinlichkeit auch genügend andere passende Fußballer zugesagt haben. Wenn ich mir über all die Dinge keine Gedanken machen muss und nur noch dort sein muss, ist das für sehr viele Menschen attraktiv. Das meine ich mit „in den Alltag integrieren“. Wir müssen unser Fußballangebot so weiterentwickeln, dass wir konkurrenzfähig oder idealerweise besser bleiben. Für viele ist so ein Szenario aktuell noch Science-Fiction. Wer sich mit dem Thema auseinandersetzt, weiß aber, dass diese Datenbasis längst vorhanden ist und Daten auch freiwillig hergegeben werden, wenn die Menschen für sich einen Mehrwert erkennen. Es ist Realität, keine Science--Fiction.
Wir reden die ganze Zeit über KI. Was ist das überhaupt? Irgendwie ja alles, was mit Digitalisierung und Computer zu tun hat.
Laumer: Wichtig ist zu verstehen, wo der Unterschied liegt zwischen klassischen digitalen Prozessen und echter Künstlicher Intelligenz, die versucht, Fähigkeit eines Menschen zu imitieren: logisches Denken, Lernen, Planen, Kreativität. Wir haben also auf der einen Seite die klassische Digitalisierung, wo wir einen Algorithmus programmieren, der sehr stark regelbasiert ist – wenn das passiert, mache bitte das! Wir tragen in unsere Software beispielsweise die Ergebnisse eines Spieltags ein und das Programm rechnet auf Basis unserer programmierten Vorgaben und spuckt die Tabelle aus – ein klassischer digitaler Prozess.
Auf der anderen Seite künstliche Intelligenz – mit dieser Idee, dass es eben menschliches Verhalten imitieren kann. Dazu braucht so ein System Möglichkeiten, die über den klassischen digitalen Prozess hinausgehen. Erstens muss das System seine Umwelt wahrnehmen können – über Kameras, Sensoren, aber auch Daten. Es braucht dann Fähigkeiten, aus diesen Infos Schlussfolgerungen zu ziehen und dann teilweise auch Entscheidungen selbst treffen zu können.
Hast du ein anschauliches Beispiel?
Laumer: Selbstfahrende Autos sind ein gutes Beispiel. Sie tasten über diverse Sensoren permanent ihr Umfeld ab und dann taucht beispielsweise eine Person auf, die auf die Fahrbahn läuft. Das System erkennt das und schließt daraus, dass es reagieren und bremsen muss. Die Künstliche Intelligenz dahinter hat das aber nicht von Anfang an gewusst, sondern gelernt. Denn KI ist grundsätzlich nie eine bewusste Entscheidung, sondern die Berechnung von Wahrscheinlichkeiten. Und wenn das System in früheren Prozessen gelernt hat, dass Bremsen bei diesen vorliegenden Daten die beste Entscheidung ist, wird es sich auch in Zukunft für diese Reaktion entscheiden. Wenn die Person aber zum Beispiel keine Person, sondern ein kleiner Vogel ist, melden die Sensoren andere Daten, die dann auch zu einem anderen Ergebnis führen können oder werden. KI heißt also, aus Daten der Vergangenheit zu lernen. Zusammengefasst: Klassische Programmierung ist regelbasiert – ich gebe einen bestimmten Wert ein und es kommt immer das gleiche Ergebnis heraus. KI ist wahrscheinlichkeitsbasiert – es liegt situativ eine bestimmte Datenmenge vor und auf dieser Datenbasis wird dann das Ergebnis mit der höchsten Treffer-Wahrscheinlichkeit ausgegeben bzw. ausgeführt.
Im Profifußball wird KI bereits intensiv genutzt: Stichwort Spiel- und Spieleranalyse, Scouting usw. Das passiert insbesondere auf Basis von Videomaterial. Wo kann denn jetzt der Amateurfußballbereich profitieren?
Laumer: Da liegt der Schwerpunkt aktuell sicherlich woanders. Natürlich gibt es dort auch Videomaterial mit den gleichen Anwendungsmöglichkeiten wie im Profifußball, aber eben nicht in der Masse. Am Ende muss es im Amateurfußball immer darum gehen, Dinge zu vereinfachen und Prozesse und Aufgaben für die Ehrenamtlichen in den Vereinen und beim Verband zu optimieren.
Das heißt konkret?
Laumer: Wir haben bereits Anwendungen wie die digitale Passbeantragung oder den Elektronischen Spielbericht. Das ist klassische Softwareentwicklung. Künstliche Intelligenz kann dagegen eine Rolle spielen bei der Vor- und Nachbereitung von Sitzungen, bei Spielberichten, in der Öffentlichkeitsarbeit eines Vereins, bei der Trainingsplanung, beim Verband bei der Spielplanerstellung oder der Schiedsrichtereinteilung. Bei den Spielberichten ist KI beispielsweise bereits sehr stark. Aus Daten werden komplette Spielberichte, die ich auf einer Website veröffentlichen kann, es können die passenden Instagram-Posts generiert werden mit passenden Bildern, Grafiken und auch Videos. Es können Spielerinnen und Spieler vorgestellt werden usw. Alles mit geringem Aufwand oder sogar automatisiert und extrem schnell. Die Robotertexte auf BFV.de sind ja ein Beispiel dafür. Man kann sich schon heute ganz gut beispielsweise mit Anwendungen wie ChatGPT bei der Trainingsplanung unterstützen lassen, indem man sagt: Ich habe heute Abend Training, U15 und möchte den Fokus auf Schusstraining legen. Mache mir mal einen Plan für ein Training für die nächsten 90 Minuten, was wir da so alles tun können. Und dann baut mir das Programm ein Training zusammen und ich kann das so machen oder als gute Ausgangsbasis nutzen und für mich anpassen. Oder ich lasse mir einen längerfristigen Trainingsplan mit sinnvollen Schwerpunkten wie Kondition, Schusstechnik usw. zum Beispiel für die komplette Hinrunde bis zur Winterpause erstellen. Das kann immer detaillierter werden. Wenn ich mir eine Kamera besorge und das Training aufzeichne, gibt es mit KI natürlich noch viel tiefergehende Analysemöglichkeiten. Oder im administrativen Bereich eines Vereins: Da reichen dann ein paar Stichworte, um grundsätzlich schnell ein gutes Sitzungsprotokoll zu erstellen oder Belegungspläne für meine Sportanlage zu erstellen. Oder als Verband kann ich KI nutzen, um möglichst optimale Spielpläne zu kreieren.
Dann wird der Spielleiter also überflüssig?
Laumer: Auf diesen konkreten Anwendungsfall bezogen werden wir wahrscheinlich irgendwann sagen müssen oder auch können: Ja, wird er! Denn KI ist ja besonders stark, wenn wir von großen Datenmengen reden. KI generiert in Sekundenschnelle einen Spielplan, der Spielzeiten, Platzbelegungen, Entfernungen, wahrscheinliche Wetterbedingungen, Tabellenkonstellationen, Zuschauerinteresse, Ferien, staatliche und religiöse Feiertage und regionale Besonderheiten usw. berücksichtigt. Das ist in dieser Datentiefe und Geschwindigkeit von keinem Spielleiter zu leisten. Und warum soll das dann nicht die KI übernehmen und der Spielleiter kann seine Zeit für andere wichtige Dinge nutzen. Ein sehr positives Beispiel kennen wir aus der Medizin. Da ist KI mittlerweile wesentlich besser darin, Krebs-Tumore aus Bildmaterial zu erkennen, als die Fachmediziner. Deswegen wird aber niemand infrage stellen, dass wir die Fachmediziner brauchen, nur weil KI in einer Fachkompetenz besser abschneidet als der Mensch.
Reden wir hier von HighTech, oder ist das wirklich auch für kleine Amateurvereine realistisch?
Laumer: Das ist absolut realistisch! Auf viele der Technologien, die mit KI laufen, haben wir heute schon Zugriff. Einen ChatGPT-Account oder Microsoft-Copilot – also sogenannte Large Language Models – sind für nahezu alle zugänglich, ohne große Hardware, ohne spezifisches Know-how. Ich mache mir einen Account, teilweise kostenfrei oder ich zahle vielleicht 20 Euro im Monat und kann dann mit so einem Tool schon mal arbeiten. Das heißt, ich muss das nicht selbst entwickeln, sondern profitiere von Systemen, die andere mir anbieten. Oder wenn ich zu einem Kamera-Anbieter gehe, kaufe ich die Softwarelösung schon mit ein und kann sie nutzen. Der Zugang zu diesen Dingen ist tatsächlich einfach und dies zeigen ja auch schon einige Beispiele aus den Vereinen und Verbänden. Aber wir stehen hier natürlich noch am Anfang.
Was sicher auch an Vorbehalten gegenüber KI liegt. Was macht denn KI mit uns?
Laumer: Natürlich muss man diese Sorgen ernst nehmen, weil wir natürlich vieles, das wir bis jetzt gemacht haben, an eine Maschine delegieren. Wobei das ja genau das ist, was wir wollen. Aber natürlich geht es auch um Entscheidungshoheit – wie viel soll oder darf eine Maschine für uns entscheiden und es geht bei einem datenbasierten System immer auch um Datenschutz und Persönlichkeitsschutz. Das sind wichtige Themen. Für die Frage der Entscheidungshoheit ist halt auch ganz wichtig zu begreifen, dass KI Statistik ist, Wahrscheinlichkeitsrechnung. Das Ergebnis stimmt also nur mit einer hohen Wahrscheinlichkeit. Die beste Antwort des Systems muss nicht die richtige sein! Deswegen werden wir bei KI auch immer die menschliche Komponente der Bewertung brauchen.
Ist KI also eine super Chance für den Amateurfußball oder eine große Gefahr?
Laumer: Da frage ich gerne zunächst: Was macht denn den Amateurfußball und unsere Werte aus? Für mich persönlich ist das in erster Linie das Soziale, die gesellschaftliche Komponente im Verein und das gemeinsame Sporterlebnis als Mannschaft auf dem Platz. Wenn KI dabei hilft, dass wir auch in Zukunft weiter Fußball im Verein spielen können, dann stärkt KI für mich den Amateurfußball. Und wenn wir vernünftig mit der Technologie umgehen, können wir den Amateurfußball auch nachhaltig in eine gute Zukunft führen. Wir müssen aber auch was dafür tun!
Wie sieht dann dein Zukunftsszenario aus?
Laumer: Mein Wunschszenario ist, dass KI so selbstverständlich und unterstützend eingesetzt wird, wie wir heutzutage Smartphones nutzen. Ganz einfach und alltagstauglich. Dass wir all diese administrativen Tätigkeiten, Spielplanerstellung, Trainingsdokumentationen, Förderanträge oder alles, was so an Themen im Verein und im Verband anfällt, möglichst intelligent automatisiert machen können und uns gleichzeitig auf das konzentrieren können, was aus meiner Sicht im Verein und im Sport wirklich zählt. Richtig von uns eingesetzt, wird KI den Sport menschlicher machen. Da bin ich wieder bei meinem Leitsatz „Um analog bleiben zu können, muss der Fußball digitaler werden“. Lasst uns KI und Digital nutzen, um den Fokus wieder mehr auf das wirklich wichtige zu legen: das Analoge auf dem Platz. Und ja: Am Ende müssen wir als Verband gemeinsam mit unseren Vereinen auch das Rennen gegen den profitorientierten Einsatz von KI der Privatwirtschaft gewinnen. Dazu braucht es das entsprechende Bewusstsein, Mut und auch Handlungsschnelligkeit.